Phantastik Rezensionen

Tad Williams – Das Herz der verlorenen Dinge

28. März 2017

Die Nornen wurden besiegt, aber auf ihrer Flucht in den Norden plündern und morden sie. So sehr sich Herzog Isgrimnur nach Frieden und seiner Gattin sehnt, um in Ruhe seinen Sohn betrauern zu dürfen, es ist ihm nicht gegönnt. Die Weißfüchse müssen endgültig aus Osten Ard verjagt werden, damit sich dieser furchtbare Kampf nicht wiederholt, in dem Tausende ihr Leben ließen. Die Nornen verschanzen sich in einer ihrer ehemaligen Festungen, hier wird sich entscheiden, wer endgültig siegt. Können die Menschen die Mauern zu Fall bringen und die Nornen für immer und ewig aus ihrem Land verjagen?

„Das Herz der verlorenen Dinge“ ist ein Amulett, ein Erbstück noch aus der Zeit als die Keida’ya im Garten lebten. Die Nornen verloren vieles in den Jahren, seit sie den Garten verlassen mussten. Jetzt stehen sie kurz vor dem Untergang. Einige von ihnen wollen sich in ihr Schicksal fügen, andere bis zum letzten Tropfen Blut kämpfen, die Hoffnung nicht aufgeben. Es herrscht Uneinigkeit unter den Alten der Hikeda’ya, während ihre Königin in tiefem Schlaf liegt. Heersvormann Viyeki weiß lange nicht, auf welcher dieser Seiten er steht.

Porto und Endri treffen sich zufällig auf dem Marsch durch Rimmersgard im Heer von Herzog Isgrimnur. Sie stammen aus der gleichen Stadt, aber aus Vierteln die alljährlich im Wettstreit gegeneinander antreten. Hier werden aus den Gegnern enge Freunde, die alles füreinander tun würden. Das Leben als Soldaten hatten sie sich beide anders vorgestellt, der Wunsch nach Hause zu kommen verbindet sie. Dem stehen aber vorerst noch die Nornen und ihr Hexenwerk im Weg.

Aus diesen beiden Perspektiven wird der Großteil der Geschichte erzählt, mit ein paar Abstechern zu Herzog Isgrimnur oder anderen Nornen. Charaktere, die den Entscheidungen ihrer Anführer folgen müssen, denen sie oft auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Auf deren Schultern gleichzeitig das Schicksal ganz Osten Ards liegt. Wenn sie verlieren, verliert ihr ganzes Volk.

Mag die Handlung auch nicht besonders neu klingen, Tad Williams macht aus dieser Geschichte etwas ganz Besonders. Ich hatte etwas Sorge, ob ich mich in Osten Ard noch wohlfühlen würde. Vor zwanzig Jahren las ich die Bände der „Saga der großen Schwerter“, mein erster bewusster Eintritt in die Welt der High Fantasy. Seitdem las ich viele Reihen und wurde mit der Zeit immer wählerischer.
Tad Williams enttäuschte mich in der Zwischenzeit zwar nie, aber er schrieb auch schon lange keine High Fantasy mehr. Nach diesem Buch weiß ich, er kann es noch.

Ausgefeilte Charaktere, komplexe Handlungsstränge mit Rückblicken in die Vergangenheit und schnelle Wechsel der Perspektiven sorgen für durchgehende Spannung. Tad Williams ist ein Sprachkünstler, der die simpelsten Szenen in schöne Worte zu kleiden weiß und sie damit zu Lesegenuss werden lässt. Von der Übersetzerin Cornelia Holfelder-von der Tann wurde das wunderbar ins Deutsche übertragen.

Mit Osten Ard schuf Tad Williams eine komplexe Welt, vergleichbar mit Tolkiens Mittelerde, bevölkert von verschiedensten Wesen und Völkern, jedes davon versehen mit einer eigenen Geschichte die Jahrhunderte zurück reicht. Schon alleine für diese Fähigkeit bewundere ich jeden Autor. Mit „Die Großen Schwerter“ hat er gezeigt, dass man ein umfassendes Fantasy Epos schaffen kann, ohne sich in Seitenzweigen der Geschichte zu verlieren und nie zu einem Ende zu kommen. Davon kann sich George R. R. Martin noch ein Stückchen abschneiden.

Wer „Die Großen Schwerter“ nicht gelesen hat, kann sich trotzdem getrost auf das Abenteuer mit dem „Herz der verlorenen Dinge“ einlassen. Diese Geschichte steht für sich, alle erforderlichen Vorkenntnisse werden im Verlauf der Erzählung erwähnt. Zur Orientierung befinden sich nach dem Glossar auch zwei Karten im Buch, eventuell ist es sinnvoll, die vor der Lektüre zu suchen. Ich suchte sie ganz am Anfang oder Ende des Buches und fand sie dann zufällig, als die Geschichte schon gelesen war. An die vielen fremd wirkenden Namen gewöhnt man sich schnell, die Anzahl der hier auftretenden Personen bleibt überschaubar.

Wer behauptet, Fantasy sei niveaulos und dumm, der hat noch keinen Tad Williams gelesen. Im Herbst geht es weiter mit Osten Ard, im September erscheint der erste Teil des ersten Bandes von „Die Hexenholzkrone“, eine neue Reihe die zwanzig Jahre nach den „Großen Schwertern“ spielt. Im November erscheint dann der zweite Teil, der Band wurde geteilt, weil er sonst 1300 Seiten dick wäre. Was Williams wirklich nicht kann, ist sich kurz zu fassen. Aber er gehört zu den wenigen Autoren, bei denen ich jedes einzelne Wort genieße und keines missen möchte.

"buchhandel.de/

Das Herz der verlorenen Dinge – Tad Williams
Deutsch von Cornelia Holfelder-von der Tann
380 Seiten, Hobbit Presse
ISBN 9783608961447, 20,00 €
Hardcover

eBook
ISBN 9783608100983, 15,99 €

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3 Kommentare

  • Antworten Andrea 30. März 2017 von 14:17

    Oh, etwas neues von Tad Williams! Was mich nach deiner Rezension interessiert: welche Fantasybücher konnten denn sonst noch deinem wählerischen Geschmack standhalten? (mein Problem ist nämlich genau das; ich lese eigentlich gerne Fantasy-Geschichten, finde aber das meiste schlecht geschrieben und einfallslos).
    Und: gehört dieses Buch jetzt zu einen neuen Osten Ard-Reihe? Das habe ich nicht ganz verstanden.
    Viele Grüße, Andrea

    • Antworten Papiergeflüster 30. März 2017 von 20:15

      Das Buch spielt zwischen den beiden Reihen, ist aber unabhängig davon. Es tauchen ein paar Charaktere aus der ersten Reihe auf, die muss man aber nicht vorher gelesen haben.
      Was ich noch empfehlen kann ist Anthony Ryan und Daniel Illger, wenn es auch Urban Fantasy sein darf, Ben Aaronovitch oder die ersten Bände von Kevin Hearne.

  • Antworten Andrea 4. April 2017 von 09:40

    Hab das Buch schon gekauft! 🙂 Danke sehr für die Tipps, ich freu mich auf’s Reinlesen!

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