
Alex Rühle ist Journalist bei der SZ und wagt das große Experiment: ein halbes Jahr ohne Internet. Keine Mails, kein Handy, kein Google, kein Youtube. Wer ihn erreichen will, muss es auf den altmodischen Weg tun, ihm einen Brief schreiben oder ihm faxen. Warum er das tut? Weil er das Gefühl hatte, vom Internet abhängig zu werden. Ständig mal eben schauen ob eine Mail rein kam, selbst im Urlaub. So sollte es nicht weiter gehen. Also kappte er alles und musste feststellen, dass es gar nicht mehr so einfach ist, ohne das allgegenwärtige Internet zurecht zu kommen.
Ein faszinierender Bericht darüber, wie es sich anfühlt, in der heutigen Zeit komplett auf Internet und Handy zu verzichten. Wie oft sieht man noch Telefonzellen? Das fällt einem erst auf wenn man eine sucht, weil man eben kein mobiles Telefon zur Hand hat. Von seinen Nachschlagewerken musste er erst einmal die Staubschicht pusten, weil es schon lange Gewohnheit war, schnell mal eben Google zu bemühen. Wer von uns kennt das nicht? Ohne die Unterstützung seiner Kollegen, die ihm wichtige Rundmails ausdruckten, hätte er dieses Experiment gar nicht durchführen können. Es war schon so schwer genug, sämtliche Recherchen mit Hilfe von Büchern, Bibliotheken und sonstigen „urzeitlichen“ Hilfsmitteln zu bewältigen. Dinge, die er sonst innerhalb kürzester Zeit im Internet recherchiert hätte, nahmen viel mehr Zeit in Anspruch. Eine rein analoge Welt ist doch oft um einiges anstrengender.
Aber eben auch ruhiger und intensiver. Die Internetwelt verleitet einen dazu, vieles nur noch oberflächlich wahr zu nehmen. Offline bekam er wieder viel intensiver mit, was um ihn herum geschah. So wäre er mit Handy in der Hand, mal eben die Mails nachschauen, sicher an dem Erpel vorbeigelaufen, den er so aus einer Drahtschlaufe retten konnte. Es kam zu interessanten Kontakten, die ihm sonst sicher entgangen wären, wie der Briefwechsel mit einem Strafgefangenen.
Alex Rühle hat ein lockeres, angenehm zu lesendes Tagebuch über diese Zeit geschrieben. Nie versucht er seine Leser zu missionieren, sie zu überzeugen ebenfalls seinen Weg einzuschlagen. Er schwankt selbst immer wieder mal und ändert seine Meinung über das Experiment von einem zum anderen Monat, wozu er auch steht. Das hat das Buch so nachvollziehbar und menschlich gemacht. Anekdoten über Erlebnisse mit seinen Kindern lockern das ganze immer wieder auf, auch wenn man sich schon über die beruflichen Analog-Probleme sehr gut amüsieren kann.
Ein Buch, das einen bei allem Unterhaltungswert auch nachdenklich macht. Ein Patentrezept findet auch Alex Rühle nicht. Aber nach der Lektüre, in der sich wohl jeder, der das Internet etwas intensiver nutzt, an mancher Stelle wieder erkennt, macht man sich so seine Gedanken über die eigene Nutzung dieser Technik.
Nachdenklich machend ohne erhobenen Zeigefinger, gleichzeitig sehr unterhaltsam, ich kann dieses Buch jedem empfehlen der sich auch schon mal überlegt hatte, ob er nicht vielleicht etwas zu oft im Internet unterwegs ist.
Ohne Netz – Alex Rühle
220 Seiten, Klett-Cotta
ISBN 9783608946178, 17,95 €
Hardcover