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Interview mit Ju Honisch – Zweite Chance für “Die Quellen der Malicorn” als eBook only

21. Juli 2016

InterviewHonisch

Ju Honisch, Autorin mehrerer Bücher in verschiedenen Genres der Phantastik, hat sich entschieden, einem ihrer Titel eine zweite Chance als eBook only in einem anderen Verlag zu geben. Die Schnelllebigkeit der Bücher ist für mich als Buchhändlerin und Bloggerin immer wieder ein wichtiges Thema, deshalb auch die “Golden Backlist Challenge”. Auch zusätzliche Verwertungsmöglichkeiten als eBook für Backlist-Titel finde ich immer wieder spannend. Deshalb bat ich Ju zum Interview, in dem sie uns über zweite Chancen als eBooks erzählt, ihre Wahrnehmung über die Chancen einzelner Titel in der Menge der Neuerscheinungen, den Einfluss von Selfpublishing und natürlich auch ihre Einhörner.

Hallo Ju, vor drei Jahren erschien „Die Quellen der Malicorn“ bei Heyne. Jetzt erschien eine überarbeitete Version als eBook bei hockebooks. Warum so schnell eine neue Auflage bei einem anderen Verlag?

Nun, Heyne hat sich ja von fast allen seiner deutschen Autoren getrennt. Es ist von uns deutschen Phantasten kaum noch einer bei Heyne. Wenn ich mir das Programm anschaue, dann sehe ich da fast nur noch übersetzte Amerikaner.
Jedenfalls hat Heyne mir die Rechte zurückgegeben. Und damit waren „Die Quellen der Malicorn“ frei für neue Abenteuer.

Wäre eine zweite gedruckte Ausgabe von „Die Quellen der Malicorn“ auch eine Alternative für Dich gewesen?

Durchaus. Ich kenne viele Leute, die gern lesen und keinen E-Reader haben. Aber im Moment gibt es eben nur diese Version. Hockebooks.de ist der eBook Verlag meines Agenten. Wir haben dort das Manuskript nochmal komplett durchgearbeitet und lektoriert und sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Zufriedener, wenn ich das mal so sagen darf, als mit der Heyne-Fassung. Doch das ist eine andere Geschichte.

Aus einem bestehenden Manuskript ein eBook zu erstellen ist günstiger, als ein gedrucktes Buch in einer kleinen Auflage herstellen zu lassen. Siehst Du eine Veröffentlichung als eBook als sinnvolle neue Chance für ältere Titel?

Unbedingt. Meine amerikanischen AutorInnen-Freunde vermarkten alle ihre Backlist auf diese Weise. Manchmal ist es etwas schwierig, den Verlagen da die Rechte zu „entsteißen“ – selbst wenn die das Buch längst ad acta gelegt haben – aber die eBook -Veröffentlichung der Backlist wird besonders bei AutorInnen, die schon länger schreiben und entsprechend viel veröffentlicht haben, so etwas wie ein zusätzlicher Rentenfonds. Für den Leser hat es den Vorteil, dass man auch an Bücher kommt, die bereits vergriffen sind.
Viele AutorInnen geben diese E-Books auch selbst heraus. Das hätte ich natürlich auch tun können, aber da ich neben dem Schreiben auch noch einen ziemlich umfangreichen „Day-Job“ habe, habe ich weder Zeit, noch Geduld, mich mit der technischen Seite der Sache zu beschäftigen. Ich bin so gar nicht der IT-Nerd. Man kann alles lernen, aber es braucht eben Zeit. Und meine spärlich bemessene Schreib-Zeit wollte ich nicht noch weiter kürzen.
Dazu kommt, dass der Verlag seine eigene Werbung macht. Ich muss das nicht allein stemmen. Natürlich kann man als „Midlist-Author“ nicht umhin, selbst tätig zu werden, und ich mache da durchaus viel. Aber zwei Ruderer kommen eben weiter als einer.
Übrigens ist „Die Quellen der Malicorn“ nicht der erste Titel von mir, der als eBook bei hockebooks.de erschienen ist. Auch meine erste Kurzgeschichtensammlung „Bisse“ ist dort veröffentlicht worden und hat nun noch eine Chance, die das Buch bei dem Kleinstverlag, bei dem es seit Jahren nur im Lager in einer Kiste lag, nie hatte.

Hast Du das Gefühl, dass Bücher inzwischen weniger Zeit auf dem Markt bekommen, um sich zu beweisen, als früher?

Das ist tatsächlich so. Es nicht wirklich durchdacht, denn es läuft den anderen Entwicklungen am Markt zuwider. Ich kann hier nur meinen Eindruck wiedergeben und habe keine Zahlen, die diesen belegen, aber ich bin mit dieser Meinung als Autorin nicht allein (was sie natürlich noch nicht richtig machen muss).
Ich denke, die Verlage setzen auf mehr Veröffentlichungen, um die Verkaufszahlen anzutreiben. Da sich das Werbebudget eines Verlags aber nicht automatisch mit erhöht, bekommt jedes einzelne Buch, das nicht von einem Bestseller-Autor stammt, entsprechend weniger werbliche Aktivitäten. Da auch die Leserschaft nicht gewachsen ist (eher geschrumpft), müssen die Leser nun die Flut von Veröffentlichungen ohne – oder mit nur wenig – Werbung wahrnehmen und kaufen wollen. Unter den gegebenen Bedingungen – weniger Werbung/mehr Bücher – müsste man zumindest den Zeitfaktor erweitern, um den Lesern die Chance zu geben, überhaupt einmal zu finden, was sie wollen.
Stattdessen hat man diesen Zeitfaktor verkürzt. Was nicht bei drei auf dem Baum – und ein Hit – ist, das verschwindet einfach wieder.
Ich finde die Strategie grundfalsch. Sie setzt voraus, dass sich Leser pausenlos und tagesaktuell über Neuerscheinungen informieren und diese dann in kürzester Zeit kaufen. Sich darauf zu verlassen, ist aber wenig realistisch.

Als Leser ist es nicht einfach, in der Masse der Neuerscheinungen den Durchblick zu behalten. Würdest Du sagen, es erscheinen zu viele Bücher?

Schwierig. Dem Bauchgefühl nach ja. Nur liegt das ja nicht nur an den Verlagen. Es liegt primär auch daran, dass heute viel mehr Menschen schreiben, als früher. Dass sie das tun, hat wiederum die verschiedensten Gründe.
Da ist zum einen der völlig falsche Eindruck, dass Schriftsteller faul herumdriften und dann so richtig reich werden. – Die wenigsten werden reich. Die absolute Mehrheit muss sich mit anderen Tätigkeiten über Wasser halten. Und faul sein geht nicht, wenn man schreibt. Ein Buch entsteht nicht von allein.
Der nächste Grund ist, dass es einfacher geworden ist zu veröffentlichen. Die Verlage kommen heute mit weitaus weniger Leuten aus. Setzer gibt es praktisch nicht mehr – die Arbeit haben die Autoren selbst übernommen (zusammen mit einem Teil des Marketings). Die Drucktechnik ist digital – als ich im Verlagswesen angefangen habe, mussten wir noch Klebeumbrüche machen und Filme belichten. Die digitale Drucktechnik ermöglicht das Drucken von kleinen Auflagen, die früher in der Herstellung pro Buch viel zu teuer gekommen wären. Das wiederum ermöglicht den Verlagen, mehr Titel mit kleinen Auflagen herauszubringen. Wenn dann einer floppt, ist das nicht der Untergang des Abendlandes.

Dank der einfachen Veröffentlichung als eBook erscheinen auch immer mehr Titel ohne die Beteiligung von Verlagen. Siehst Du den wachsenden Selfpublishing-Bereich eher als Bereicherung des Marktes, oder erschwert die Schwemme der Titel es, überhaupt noch wahrgenommen zu werden?

Bei den Selfpublishern hat die Digitalisierung es möglich gemacht zu veröffentlichen, auch wenn man keinen Verlag findet – oder auch nur sucht. Manch einer hat so gar keine Lust, jahrelang sein Manuskript auf einem Stapel zu wissen. Verlage werden gemeinhin mit Manuskriptangeboten überschüttet und sind entsprechend bisweilen etwas langsam darin, spontan von außen ein Buch mit Potential zu erkennen.
Und es gibt im Selfpublisher Bereich viele Bücher mit großem Potential: aufregende, witzige Bücher. Mein Lieblingsbuch 2015 war eines, das zunächst als Selfpublishing-Buch erschien, „The Martian“, und das erst von einem Verlag genommen wurde, als es bereits boomte.
Natürlich gibt es in der Selfpublisher-Szene aber auch Tante Emma’s spannendes Buchhalterleben und Onkel Hugos heimliche Blümchengedichte. Es gibt alles. Diese Flut macht es wiederum auch den ernstzunehmenden und guten Selfpublishern schwer. Sie schimpfen dann – meiner Erfahrung nach – aber lieber auf das klassische Verlagswesen als auf Tante Emma und Onkel Hugo.
Je mehr Titel es gibt, desto schwieriger wird es natürlich, wahrgenommen zu werden. Das geht Selfpublishern nicht anders als Verlagsautoren. Wir alle haben Bücher, die wir an den Leser bringen wollen. Wir unterscheiden uns da erst mal in nichts.
Mein Eindruck ist, dass die Selfpublisher glauben, die schiere Flut würde irgendwann die klassischen Verlage redundant machen. Ich glaube das eher nicht. Ich glaube eher, dass die Tante Emmas und Onkel Hugos der Welt die guten und begabten  Selfpublisher irgendwann dazu treiben, sich vielleicht zu Labeln zusammenzuschließen. Und dann sind wir wieder beim Verlagswesen.
Aber das ist nur meine Meinung und muss nicht stimmen.

Viele Bücher aus der Phantastik, die das Genre prägten, sind inzwischen nicht mehr lieferbar. Welches Buch, das inzwischen vergriffen ist, würdest Du gerne als eBook wieder veröffentlicht sehen?

„Villains by Necessity“  von Eve Forward.

Der ständige Strom an Neuheiten lässt einen die Backlist ja gerne mal vergessen, die oft auch kaum noch präsent ist in den Buchhandlungen. Liest Du selbst auch bewusst ältere Bücher?

Ich lese Bücher. Wann die erschienen sind, ist mir absolut und durch und durch schnuppe. Selbst Neuerscheinungen landen bei mir erst einmal auf dem Lesestapel – der sehr hoch ist – und werden erst Jahre später gelesen.
Ich habe bewusst letztes Jahr etwas klassische Science Fiction gelesen, Klassiker der 60/70er Jahre, die ich vergessen oder in meiner Jugend verpasst hatte. SF ist dabei ein Sonderfall, da nichts so schnell veraltet wie die Zukunft. Das tut dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch. Vielmehr hat man dann noch den zusätzlichen Effekt, zu sehen, was ist eingetroffen und was lief komplett ins Leere. Oder – weitaus erschreckender – man erkennt in verstaubten Dystopien auf einmal seine Gegenwart.

„Die Quellen der Malicorn“ handeln von Einhörnern. Nachdem ich schon einige Deiner Bücher gelesen habe, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass wir es hier mit glitzernden Regenbogen-Einhörnern zu tun haben. Erzählst Du uns noch kurz von Deinem Buch?

Nein. Meine Einhörner glitzern nicht.
Meine Einhörner sind nicht alle weiß. Sie sind nicht alle strahlend schön. Es gibt sie in den unterschiedlichsten Rassen, Farben und Größen – wie Pferde auch. Doch sie sind keine Pferde. Sie sind weltklug und kultiviert. Sie haben ihre eigene Magie, die von der Kraft ihrer Welt gespeist wird. Das gibt ihnen Macht.
Sie wohnen in der Anderwelt, können aussehen wie Menschen. Sie haben eine menschliche Erscheinungsform, sozusagen eine zweite mögliche Identität neben der ersten. Und sie sind nicht alle rein, edel und sündenfrei.
Der vielleicht wichtigste Satz des Helden: „Niemand im ganzen Universum ist ausschließlich friedliebend, gütig und nett. Es zu sein, erfordert immer die Entscheidung, es sein zu wollen.“
Als intelligente Wesen der Anderwelt haben die Einhörner die Wahl, wie sie sein wollen, welchen Vorstellungen sie folgen und wie sie ihre unbestreitbare Macht einsetzen. Manche sehen diese als Verpflichtung an. Manche als Möglichkeit zur Ausbeutung jener mit weniger Macht.
Grob gesagt gibt es im Buch „gute“ und „böse“ Einhörner. Wenn sie gut sind, sind sie sehr gut. Aber wenn sie böse sind, sind sie so richtig böse.
Auf der World Science Fiction Con 2014 hatte ich bedruckte Stoffklebis dabei. Auf Übersee- Cons ist es Sitte, sich an sein Namenschild ein „Ribbon“ mit einem Spruch drauf zu kleben. Diese Ribbons bringen andere Con-Besucher mit und verteilen sie. „Join the fight against racist unicorns!“ stand auf meinem. Der SFCD-Stand war so nett, sie unters Volk zu bringen, und ab dem zweiten Tag rannten Hunderte von internationalen Con-Besuchern mit dem Spruch unter dem Namensschild rum – ohne je von „Die Quellen der Malicorn“ gehört zu haben.

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Das klingt mal wirklich nach ganz anderen Einhörnern, ohne Regenbogen und Glitzer. Mich hast Du damit eindeutig neugierig gemacht. Vielen Dank für Deine Zeit und die wunderbaren Antworten!

JuHonischDie Autorin:
Ju Honisch studierte Anglistik und Geschichte in München. Eine Weile lebte und arbeitete sie in Irland. Inzwischen wohnt sie in Hessen. Sie schreibt Kurzgeschichten und Romane, von denen gleich zwei mit Preisen bedacht wurden: dem Deutschen Phantastik Preis (bestes Romandebut) für „Das Obsidianherz“ und dem SERAPH für „Schwingen aus Stein“. Zur Entspannung macht sie Musik und schreibt Lieder im Phantastik-Bereich.

Vieles was Ju Honisch schreibt, gehört in den Bereich der Phantastik oder ist nicht weit entfernt davon angesiedelt. Allzu niedliche Feen und romantische Elflein wird man allerdings umsonst in ihren Büchern suchen. Sie mag es spannend. Sie mag es schwarzhumorig. – Und was wäre das Leben schon ohne wenigstens ein bisschen Liebe?

Mehr über sie und ihre Werke unter www.juhonisch.de

4 Kommentare

  • Antworten thatyvo 30. Juli 2016 von 14:13

    Tolles Interview 🙂 Ich würde mir wünschen, dass mehr Verlage die Chance erkennen, dass man ein paar Backlisttiteln neues Leben einhauchen könnte. Vielleicht fehlt mir das ein bisschen das Hintergrundwissen, aber es kann ja nicht so schwer sein, einen Text, dessen Rechte man hat, digital verfügbar zu machen, oder?

    • Antworten Papiergeflüster 31. Juli 2016 von 14:51

      Die Rechte sind wohl oft das Problem bei älteren Titeln, weil in den Verträgen noch keine eBook Rechte enthalten waren. Die müssen dann nachträglich eingeholt werden. Autoren geben meistens nicht die kompletten Rechte an einem Text ab, da werden schon die verschiedenen Veröffentlichungsformen einzeln genannt.

      • Antworten thatyvo 31. Juli 2016 von 15:19

        Ja, das weiß ich. Aber wenn die Nachfrage da ist, kann man das ja, wenn möglich, nachholen.

  • Antworten Papiergeflüster 31. Juli 2016 von 16:19

    Da bin ich ganz deiner Meinung, fände ich auch sinnvoll.

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