Interviews

Thomas Finn im Interview auf Papiergeflüster

22. Oktober 2010

Neu auf Papiergeflüster: Autoren im Interview. Thomas Finn hat sich netter Weise als erstes „Opfer“ zur Verfügung gestellt, viel Spaß mit seinen Antworten.

Kurzporträt:

Thomas Finn wurde 1967 in Chicago geboren, wuchs in Deutschland auf und lebt heute in Hamburg. Schon während seines VWL-Studiums schrieb er für verschiedene phantastische Magazine, war später Chefredakteur der „Nautilus“ und arbeitete als Lektor und Dramaturg in einem Drehbuchverlag. Heute ist er als Roman-, Spiele-, Theater- und Drehbuchautor tätig.

Im Romanbereich veröffentlichte er unter anderem zwei Bände der Gezeitenwelt-Reihe, den historischen Phantastik Thriller „Der Funke des Chronos“ ebenso wie die Jugendfantasy-Reihen „Die Chroniken der Nebelkriege“ und „Die Wächter von Astaria“. Gerade erst erschienen ist der Mystery Thriller „Weißer Schrecken“.

Weitere Informationen zum Autor und seinen Werken findet ihr auf seiner Homepage.

Interview:

 

Welches ist Dein Lieblings-Weihnachtslied?

*lach* Ich würde sagen: „O Tannenbaum!“ Ich glaube, das habe ich schon im Kindergarten gesungen. Aber in meinem neuen Roman würdige ich noch ein paar Weihnachtslieder mehr ;-)


Nachdem Du eine ganze Reihe All-Age Fantasy-Titel geschrieben hast, wird es jetzt düster mit einem Mystery Thriller. Wie kam es zu dem Genrewechsel?


Für mich ist das eigentlich kein besonderer Genrewechsel. Im Pen- & Paper-Rollenspiel-Bereich habe ich schon mehrfach Horror- und Dark Fantasy-Publikationen verfasst, vor allem für das Spielsystem H.P. Lovecrafts Cthulhu. Und wer mich privat kennt, weiß, dass ich ein großer Freund stimmungsvollen Grusels bin. Wohlgemerkt Grusel – und kein Splatter! Allein meine Romanleser kennen mich wohlmöglich noch nicht von dieser Seite, auch wenn sich gewisse Elemente dieser Leidenschaft sogar in meinen All Age-Romanen finden lassen. Zumindest die Leser meines Romans „Der Funke des Chronos“ haben schon länger darauf gewartet, dass ich auch mal wieder eine Story in bodenständigeren Gefilden ansiedle ;-).

Warum spielt „Weißer Schrecken“ gerade zur Weihnachtszeit?

Das lag am zugrunde liegenden Stoff. „Weißer Schrecken“ kreist inhaltlich um den Ursprung der Knecht Ruprecht-Legende. Hinzu kommt das vornehmlich in Süddeutschland und Österreich verbreitete Brauchtum der Perchten- bzw. Krampusläufe, die im Roman quasi die Bühnendekoration stellen. Das sind ziemlich wilde Umzüge um Nikolaus herum, also den sechsten Dezember, bei denen neben dem gütigen Nikolaus ganz zentral auch sein finsterer Begleiter Knecht Ruprecht bzw. der Krampus als Teufelsgestalt integriert ist. Da lag es nahe, den Thriller gleich komplett in die Vorweihnachtszeit zu verlegen.

Warum Knecht Ruprecht? Die wenigsten wissen, dass all unsere vorweihnachtlichen Bräuche um Ruprecht, Perchta usw. auf alte keltische Traditionen zurückgehen. Diese Elemente sind über die Jahrhunderte hinweg zunächst in mittelalterlichen Kinderschreck- oder Kinderfressergestalten aufgegangen, aber auch in Sagen und Märchen, wie jene von der Wilden Jagd oder der Frau Holle. Noch einmal ein paar hundert Jahre später haben sie dann die heute bekannte Form angenommen. Die Recherchen zum Roman haben sich bei alledem als ebenso spannend wie schaurig erwiesen. Und aufgrund eines ganz bestimmten Umstandes – nämlich eine archäologische Entdeckung aus jüngerer Zeit, die ich hier nicht verraten kann – wurde der Schrecken, mit dem es meine Protagonisten zu tun bekommen, plötzlich sehr viel realer, als ich es zuvor ahnen konnte.

Als nächstes Projekt schreibst Du einen Band der Justifiers Reihe, ein Gemeinschaftsprojekt, an dem sich verschiedene deutsche Autoren beteiligen. Hattest Du vorher schon mit dem Gedanken an einen Science-Fiction Roman gespielt, oder kam der Anstoß durch Deine Kollegen?

Klar habe ich schon mit den Gedanken gespielt, einen SF-Roman zu schreiben. Ist ja nicht so, dass mich die Science Fiction nie gereizt hätte. Ich bin großer Star Wars- und Star Treck-Fan und in meiner Jugend habe ich keine einzige Folge von ‚Mondbasis Alpha 1’ versäumt. Nur war die SF in den letzten Jahren nicht gerade das geeignete Feld, um sich als Autor einer breiten Leserschaft vorzustellen. Aber es war immer die Hoffnung da, dass sich das eines Tages wieder ändern könnte.
Der Anstoß zu Justifiers kam, wie bei meinen anderen fünf Kollegen auch, von Markus Heitz selbst. Er hat mich einfach gefragt, ob ich nicht Lust hätte, an Justifiers mitzuschreiben ;-). Klar hatte ich. Nur dass ich zunächst keine Ahnung hatte, worum es bei Justifiers eigentlich geht. Ende der Achziger/Anfang der 90iger, als Markus auf das SF-Rollenspielsystem Justifiers gestoßen ist, habe ich mich mit dem etwas bekannteren Traveller ausgetobt – ebenfalls ein SF-Rollenspielsystem. Justifiers ist vom Hintergrund her aber deutlich cooler. Nur erschien es damals in einem sehr kleinen amerikanischen Verlag, so dass nur Insider davon wussten.


Gibt es noch andere Genres, die Du gerne mal ausprobieren würdest?

Sobald ein bestimmtes Thema ein bestimmtes Genre vorgibt, passe ich mich an. Wobei ich aber vermutlich der Phantastik stets treu bleiben werde – und sollte es sich dabei auch nur um eine geringe Dosierung handeln. Ich will meine Leser ja nicht verprellen ;-). Ehrlich, ich bin sehr froh, dass ich mittlerweile auf eine ganze Bandbreite an Stoffen zurückblicken kann und nicht auf ein Thema allein festgenagelt bin. Das wäre der Tod meiner Phantasie.

Was ist schwieriger zu schreiben, Jugend- oder Erwachsenen-Literatur und warum?

Das lässt sich nicht so leicht sagen. Das kommt stets auf den zugrunde liegenden Stoff, die Welt als Bühne und die handelnden Figuren an. Ein Roman macht genau so viel Arbeit, wie du als Autor hineinsteckst.

Welche Genres liest Du selbst gerne?

Na, phantastische Romane natürlich. Man muss das Gebiet, auf dem man sich bewegt, schon selbst mögen. Sonst wird das nichts.

Hast Du einen Buchtipp für uns, abgesehen von „Weißer Schrecken“ natürlich?

Jetzt gerade? Hm. Die Justifiers-Romane meiner Kollegen natürlich, ha ha. Ein weiterer spannender Roman, der handwerklich so gut gemacht ist, dass es mich förmlich aus den Schuhen gehoben hat, entstammt interessanter Weise ebenfalls der SF. Nämlich „Das Unsterblichkeitsprogramm“ von Richard Morgen. Grandios!

Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für dieses Interview genommen hast und viel Spaß im Justifiers Universum!

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6 Kommentare

  • Antworten Feenfeuer 22. Oktober 2010 von 19:27

    Och nö Justifiers als nächstes…
    Diese archäologische Entdeckung klingt ja sehr spannend, besonders da Weisser Schrecken vom ersten Leseeindruck her (bin grad erst mit dem ersten Kapitel fertig) ein sehr geniales Buch zu sein scheint. Besonders die Figuren und ihre Familienschicksale sind eigentlich schon Schauder genug, allen voran die irren christlichen Fundamentalisten.
    Ich habe ja Thomas auf seiner Weisser Schrecken Premierenlesung (*prahl*) in Hamburg erleben dürfen und jedesmal wenn… bestimmte Figuren Sprechpassagen in der Geschichte haben, höre ich Thomas röchelndes Höllengegrunze, mit dem er eben diese Figuren in der Lesung versehen hat. Das ist wirklich schauderhaft.

    Sehr schönes Interview :)

    • Antworten Emily 22. Oktober 2010 von 23:13

      @Feenfeuer: Danke :) Die Permierenlesung habe ich zwar verpasst, Hamburg ist aber auch ganz schön weit weg, aber auf der BuCon hatte ich dann das Vergnügen. Mir geht es ähnlich wie Dir, gewisse Passagen bekommt man nicht mehr aus den Gehirnwindungen. ;)

      @Christian: Danke :)

  • Antworten Christian 22. Oktober 2010 von 21:15

    Tolles Interview!

  • Antworten Horst 27. Oktober 2010 von 19:40

    Aber Hallo!
    Die Idee mit dem Interview ist prima. Das ist eine gute Ergänzung zu den Besprechungen. Und Tom Finn als Premiere ist natürlich ein Knaller! Die Länge ist genau richtig, wenn es ausführlicher wäre, hätte ich es dann doch lieber klassisch auf Papier. Weiter so – vielleicht mit den anderen Justifiers???

    • Antworten Emily 27. Oktober 2010 von 21:51

      @Horst: Vielen Dank :) Lob von Profis tut besonders gut. ;) Mal sehen, wer sich als nächstes opfert. Über einen weiteren Justifiers Schreiber hatte ich auch schon nachgedacht, aber ich will meine Leser ja nicht langeweilen und auch mal andere Welten vorstellen. Mal schauen.

  • Antworten Papiergeflüster » Blog Archiv » Thomas Finn – Weißer Schrecken 2. November 2010 von 20:32

    […] Ein Interview mit Thomas Finn findet ihr übrigens auch auf Papiergeflüster. […]

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