Interviews

Phantastik-Geflüster mit T. S. Orgel

5. Oktober 2016

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Steckbrief

Name: T.S. Orgel – wobei T.S. für „Tom und Stephan“ steht. (Webseite)

Demnächst erscheinendes Buch: Die Blausteinkriege II – Sturm aus dem Süden (erscheint am 11.10.2016 bei Heyne)

Welches Buch liegt gerade auf dem Nachttisch:

Tom: „Das kleine rote Auto sucht ein Zuhause“ aus dem Coppenrath-Verlag. Ja, ich habe Kinder. Im Bad allerdings liegt gerade „Der Fluch des Wüstenfeuers“ von Andrea Bottlinger und, gerade ausgelesen, „Dark Wood“ von Thomas Finn. Der einzige Ort, wo ich momentan in Ruhe dazu komme, ein paar Seiten zu lesen.

Stephan: Da wir gerade am Umziehen sind, fehlt seit einigen Tagen mein Nachttisch. Aber in meinem Handgepäck liegt noch „The Time Traveler’s Guide to Medieval England“ von Ian Mortimer, das ich mir in London gekauft habe. Im Grunde nur schnödes Recherchematerial, aber dafür sehr amüsant geschrieben.

Persönliches Lieblings-Genre:

Tom: Den Platz müssen sich Fantasy und Thriller schon immer teilen.

Stephan: Bei mir sind es Fantasy und Krimi (wobei ich auch die neuen Thriller von Jo Nesbo sehr mag). Für einen schönen, dicken Historienschinken fehlt mir leider die Zeit.

©Birgit Mühleder

Fragen

Was war eure erste Begegnung mit Phantastik?

Tom: Grimms Märchen. Beziehungsweise genauer gesagt: „Deutsche Hausmärchen“, in der l30er-Jahre-Fassung aus dem Zigarettenbildverlag Hamburg, mit den legendären Illustrationen von Prof. Paul Hey. Unsere Mutter hat uns, als ich 7 oder 8 war, abends sehr gern daraus vorgelesen. Rattenkönig Birlibi, Fallada, Der Soldat und das Feuerzeug – den ganzen guten, undisneyfizierten Stoff. Das Buch ist allerdings dann für Jahre in den Giftschrank gewandert, als unsere Eltern festgestellt haben, dass ich davon beeindruckende Alpträume bekommen habe. Man kann also sicher sagen, dass der sprechende Pferdekopf, die drei Höllenhunde, abgehackte Zehen oder die Wilde Jagd prägend waren. :)

Stephan: Alpträume scheinen bei uns das treibende Element gewesen zu sein. Bei mir war es vermutlich einer dieser uralten Sindbad-Filme mit diesen tollen Stop-Motion Sequenzen. Ich hatte danach längere Zeit immer wieder mal Alpträume von einem Magier, dessen Auge in der Gegend herumwanderte (kam im Film aber komischerweise gar nicht vor). Kindgerechter war da „Das Blaue vom Himmel“ von Hannes Hüttner – obwohl, das dann vielleicht doch eher eine Art Science-Fiction war. Naja, und später habe ich halt immer die alten Bücher von meinem großen Bruder aufgetragen. Das Schicksal des Jüngeren eben.

Warum schreibt ihr ausgerechnet Phantastik?

Stephan: Ehrlich gesagt könnte ich mir auch vorstellen, einen anständigen Thriller oder Krimi zu schreiben. Ich bin da gar nicht so festgelegt. Ich mag es, mir Geschichten auszudenken. Da ist das Genre zunächst einmal zweitrangig. Aber vermutlich ist es die Fantasy, weil sie mich trotz gelegentlicher Unterbrechungen nie wirklich losgelassen hat, und weil sie mir eine ganze Menge Freiheiten lässt, meine Ideen umzusetzen.

Tom: Seien wir ehrlich – da spielt auch eine gehörige Portion Faulheit mit hinein. Die Phantastik gibt einem wie kaum ein anderes Genre die Freiheit, nur das recherchieren zu müssen, was man wirklich recherchieren will (was immer noch mehr als genug ist), Wir haben uns einmal an einer historischen Kurzgeschichte versucht – seitdem habe ich erstens größte Hochachtung vor Historienautoren und zweitens keine Ambitionen, einen kompletten Roman in diesem Genre zu schreiben. Wenn wir etwas machen, dann wollen wir es schon mit Hand und Fuß machen. Die Phantastik gibt uns eher die Möglichkeit, zu bestimmen, wie diese Hand und dieser Fuß auszusehen haben.
Von diesem schnöden Grund jedoch abgesehen – ich möchte vor allem schreiben, was ich selbst lesen möchte. Und das ist nun mal bei mir (neben Thrillern und dem gelegentlichen Sachbuch oder Historienroman) immer wieder Stoff aus der Phantastik. Was die Thriller-Sache angeht: Gern, wenn es sich ergibt, aber im Moment sind wir ausgelastet, und jetzt bereits komplett das Genre zu wechseln wäre vermutlich kontraproduktiv.

In welcher fiktionalen Welt würdet ihr gerne leben?

Tom: Klingt vielleicht ein wenig langweilig – aber in keiner. So gern ich gedanklich Ausflüge dorthin mache – ich wäre vermutlich in so gut wie keiner auch nur ansatzweise überlebensfähig. So realistisch muss man sein.
Und selbst bei den angenehmeren graut mir vor so kleinen, aber im Ernstfall entscheidenden Dingen wie der mittelalterlich-abenteuerlichen medizinischen Versorgung. Stichwort Zahnarzt …
Im Ernst: Die einzigen, die mich tatsächlich für persönliches Erleben noch reizen würden sind Parallelweltansätze, wie die Welten von Gaimans „Neverwhere“ oder Adams „Dirk Gently“-Setting. Und wenn man’s recht betrachtet, dann leben wir ja genau dort.

Stephan: Ich würde mir eine fiktionale Welt aussuchen, in der die Helden nie Probleme mit den Zähnen haben. In der klassischen Fantasy gab es davon ja zum Glück  eine ganze Menge. Obwohl ja meine Lieblingswelt die von Joe Abercrombie ist, bei dem es mit der Zahnhygiene nicht gerade zum Besten bestellt ist. Also vielleicht doch lieber Tolkien. Und dort am besten in Hobbingen, wo man bei gutem Essen und netten Nachbarn über hundert Jahre alt werden kann (ich bin eben nur der Schreiberling. Für die Heldentaten sind andere zuständig).

Woran arbeitet ihr gerade?

Stephan: An was man in unserer Branche eben so arbeitet: Ich überlege mir gerade, wie ich eine ganze Menge Menschen auf einen Schlag und dabei auch noch recht eindrucksvoll um die Ecke bringen kann. Ungelogen. Das Ganze findet übrigens im dritten Teil von den Blausteinkriegen statt. Da bleibt leider nicht mehr viel Zeit für andere Projekte.

Tom: Mit diesen Überlegungen muss ich mich demnächst auch mal wieder beschäftigen (ich muss schließlich für das Finale der Blausteinkriege noch eine Konterrevolution anzetteln …). Im Moment allerdings hänge ich noch daran, eine riesige Wildsau zu erlegen. Mit Hilfe eines Zwergen und einer Handvoll Orks. Das zieht sich leider etwas – aber auch Kurzgeschichten brauchen Zeit. Manchmal leider mehr, als ich habe.

Gibt es ein Buch, von dem ihr sagen würdet, dass man es unbedingt gelesen haben sollte?

Tom: Zu viele. Selbst mit zwanzig Nennungen würde ich, glaube ich, nicht mal das Gröbste abdecken. „Good Omens“ von Gaiman und Pratchett, „Fool on the Hill“ von Matt Ruff, „Neuromancer“ von William Gibson, „Die Stadt der träumenden Bücher“ von Walter Moers, „Der Splitter im Auge Gottes“ von Niven und Pournelle, … jedes einzelne hat die Phantastik auf Dauer geprägt und ist absolute Leseempfehlung. Vielleicht noch die Serie um die „Gelehrten der Scheibenwelt“ von Pratchett, Cohen und Stewart. Gar nicht mal wegen des Phantastikanteils, sondern weil diese Bücher mehr Wissenswertes enthalten als das eine oder andere Jahr gymnasialer Oberstufe …

Stephan: „Das Große Spiel“ von Orson Scott Card (mein Science Fiction Klassiker schlechthin) und „Der Meister und Magarita“ von Michail Bulgakow, weil es nicht nur ein irrwitziger Urban-Fantasy-Roman ist, sondern auch noch Weltliteratur (immerhin aus dem Jahr 1928!), mit der man aus jeder intellektuellen Gesprächsrunde hervorstechen kann. Gar nicht gelesen haben muss man das letzte Kapitel im Herrn der Ringe, in dem die Helden zurück nach Hobbingen kehren. Jetzt mal im Ernst: Wen interessieren denn noch diese Haarfüße, nachdem man gerade eben die gesamte Welt gerettet hat?

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2 Kommentare

  • Antworten Stephanie 6. Oktober 2016 von 10:42

    Tolles Interview mit zwei sehr sympathischen Autoren, von denen ich bisher noch nichts gelesen habe ;-)

    Werde gerne noch ein wenig weiter auf deiner Seite stöbern, gefällt mir.

    Liebe Grüße
    Stephanie

    • Antworten Papiergeflüster 10. Oktober 2016 von 20:14

      Viel Spaß beim Entdecken :)

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