Interviews

Phantastik-Geflüster mit Daniel Illger

24. August 2016

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Steckbrief

Name: Daniel Illger (Webseite)

Aktuelles Buch: Skargat II – Das Gesetz der Schatten (bei Hobbit Presse)

Welches Buch liegt gerade auf dem Nachttisch: R. Scott Bakker: „The Great Ordeal“ und George Arion: „Atac în bibliotecă“ („Attack in the Liberary“)

Persönliches Lieblings-Genre: Horror in seinen übernatürlichen Spielarten

© Noëmi Vollenweider

© Noëmi Vollenweide

Die Fragen

Was war Ihre erste Begegnung mit Phantastik?

Ich erinnere mich an keine Zeit, in der ich mich nicht zu allem Phantastischen hingezogen gefühlt hätte. Als ich noch sehr klein war, musste ich einmal zu einem Kinderarzt, der „Guhl“ hieß (oder so ähnlich); zur Würdigung dieses an sich wenig erfreulichen Anlasses habe ich damals ein Bild gemalt, das, in höchster Strichmännlein-Kunst, einen Leichenfresser auf einem Friedhof zeigte. Woher ich wusste, was ein „Ghoul“ ist, kann ich bis heute nicht sagen, aber ich nehme an, Kinderseelen sind sehr findig darin, in ihrer Umwelt das geeignete Rüstzeug gegen die Infamitäten des Lebens aufzuspüren.
Meine ersten bewussten Begegnungen mit Phantastik waren jedenfalls: Hui Buh-Platten, Horrorcomics (erinnert sich noch jemand an den herrlichen Satz: Seltsam, aber so steht es geschrieben?), die allererste Auflage vom „Schwarzen Auge“, schließlich Stephen King, dessen Erzählband „Nachtschicht“ so etwas wie den Urschlamm meiner Erzählliebe bildet.

Warum schreiben Sie ausgerechnet Phantastik?

Zunächst einmal, weil mir das Phantastische am meisten Freude macht. Dann auch, weil ich niemals das Gefühl hatte, die Welt sei gut so, wie sie ist. Andere Wirklichkeiten zu erfinden, hilft uns – davon bin ich überzeugt ¬–, auch die Wirklichkeit, in der wir leben, neu zu denken. Und neu gedacht werden hat sie bitter nötig, die Wirklichkeit.
Schließlich aus einem ganz schlichten Grund: Ich kann wohl nicht anders. Auch zu der Zeit, als ich noch versucht habe, realistische Romane zu schreiben (deren einer hoffentlich irgendwann mal veröffentlicht wird), hat sich früher oder später zumindest ein klitzekleines Gespenst durch die Hintertür eingeschlichen.

In welcher fiktionalen Welt würden Sie gerne leben?

Wolfgang Petersens Adaption der „Unendlichen Geschichte“ war 1984 der erste Film, den ich im Kino sah. Ich habe mich niemals getraut, ihn mir noch einmal anzuschauen, was wahrscheinlich klug war, weil es sich dabei ja anscheinend um einen ziemlichen Murks handelt. Aber damals, als Siebenjähriger, war ich überwältigt. Ich erinnere mich bis heute daran, dass mir die Notwendigkeit, das Kino – und damit die Welt von Atréju
und Fuchur – zu verlassen, beinah körperliche Schmerzen bereitet hat. Ich glaube, daraus habe ich die Lehre gezogen, nur die Welten bewohnen zu wollen, die ich selber erschaffen kann.

Woran arbeiten Sie gerade?

An dem dritten Band von „Skargat“, der, wenn alles gut geht, ungefähr in einem Jahr erscheinen wird.

Gibt es ein Buch, von dem Sie sagen würden, dass man es unbedingt gelesen haben sollte? Wenn ja, welches? Wenn nein, warum?

Ich glaube, dass wir in einer sehr nihilistischen Welt leben. Dieser Nihilismus tarnt sich mal als Vergnügtheit, mal als religiöses Gefühl, mal als Gesundheits- und Schönheitswahn, mal als Pragmatismus oder kerniges Bescheidwissertum, mal als die Sehnsucht nach einer heilen, kleinen Welt, die wir überschauen und beherrschen und gegen alles Fremde abschotten können. Immer aber soll er die Abgründe von Angst, Ratlosigkeit und Ohnmacht zudecken, die uns bedrohen.
1872 hat Fjodor Dostojewski „Die Bösen Geister“ veröffentlicht – ein Roman, mit dem er versucht, den Nihilismus seiner Zeit zu verstehen, die der unseren anscheinend nicht ganz unähnlich war. Für mich sind die „Bösen Geister“ eine zutiefst erschütternde und bewegende Geschichte über das Grauen, in das wir Menschen uns verstricken, wenn wir das Menschsein nicht mehr aushalten. Auch wenn es sehr viel vergnüglichere Bücher gibt, würde ich dazu raten, es einmal mit Dostojewski und den „Bösen Geistern“ zu versuchen.

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2 Kommentare

  • Antworten Nanni 25. August 2016 von 07:25

    Sehr interessant.
    Ich freue mich schon auf weitere spannende Interviews mit phantastischen Autoren / Autorinnen.

    Liebe Grüße Nanni

    • Antworten Papiergeflüster 25. August 2016 von 20:09

      Vielen lieben Dank! Freue mich sehr, dass die Fragen gut ankommen. :)

      Liebe Grüße
      Simone

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