Belletristik Besprechungen

Matt Ruff – Mirage

19. April 2014

Mirage

Es geschah nicht am 11. September in den USA, es geschah am 9. November in Bagdad. Christliche Fundamentalisten entführten vier Flugzeuge, zwei davon steuern sie in die Tigris- und Euphrat Zwillingstürme, Tausende sterben. Die Vereinigten Arabischen Staaten sind erschüttert, niemand hat mit einer solchen Tat gerechnet. Woher kamen die Terroristen? Die VAS meinen, aus Amerika und besetzen die Ostküste dieses unbedeutenden Entwicklungslandes.
Noch Jahre später hat der Terror die VAS im Griff. Als sie einen der Drahtzieher hinter den immer wieder geschehenden Selbstmordattentaten festnehmen, erzählt der eine sehr merkwürdige Geschichte. Diese Welt sei gar nicht real, die USA seien eine Weltmacht und die ganze Geschichte hier nur eine Fata-Morgana. Sie würden dies alles nur tun, um sie zu beenden. Angeblich gibt es sogar Beweise für diese Theorie, aber wie kann das sein? Jeder von ihnen hat doch seine Erinnerungen, wie soll die ganze Welt verkehrt sein? Das sind Lügen. Oder doch nicht? Es bleiben nagende Zweifel.

„Mirage“ ist ein unglaublich tolles Buch, das an allen Ecken und Enden mit seinen Details besticht, die dieser unglaublichen Geschichte eine Dichte verleihen, die den Leser gefangen nimmt. Matt Ruff hat so viele Kleinigkeiten in seiner Version der Geschichte bedacht, hier ist nichts, wie man es kennt, aber doch gar nicht so unähnlich. Es gibt eine Art Wikipedia, heißt hier aber „Die Bibliothek von Alexandria“ und ist natürlich an den Grenzen des Islam ausgerichtet. Sucht man nach „Lesben- und Schwulenbewegung“, findet man keinen existierenden Artikel. Als Alternativen mit teilweisen Übereinstimmungen werden einem die Artikel zu „Sodom und Gomorrha“, „Feminismus“ und „Europäische Mönchsorden“ vorgeschlagen. Mit Hilfe dieser „Bibliothek“ erklärt der Autor seinen Lesern zwischendurch immer wieder Facetten dieser Welt.

Viele Kleinigkeiten wurden einfach nur namentlich angepasst, so heißt ein bekanntes Fotobearbeitungsprogramm hier zum Beispiel Fotobasar statt Photoshop, ebay ist der ebasar. Solche Dinge finden sich zu Hauf im Text und zeigen, wieviel Mühe und Liebe der Autor in die Entwicklung der ganzen Geschichte gesteckt hat. Wahrscheinlich habe ich nur die Hälfte überhaupt mitbekommen.

In dieser Welt kämpft Mustafa mit einigen Kollegen gegen den Terrorismus, aber auch Korruption und Machthaber, die ihre Macht ausnutzen und das Land in ihrer Hand wissen wollen. Auch in dieser Version der Welt gibt es Osama bin Laden, al-Quaida und Saddam Hussein. Dabei haben Mustafa, Amal und Samir aber auch ihre ganz privaten Probleme. Mustafas erste Frau Fadwa starb bei den Anschlägen, was er nie wirklich verwandt. Amal hat es als muslimische Frau in einem Männerberuf nicht leicht. Samir muss seine wahre Natur verbergen, die in einem streng religiösen Staat nicht gerne gesehen wird. In „Mirage“ sind ihre Geschichten Teile des großen Rätsels, welche Welt nun real ist.

„Mirage“ zwingt einen zum mitdenken, durch die plastischen Charaktere und ihre privaten Geschichten ist er aber trotzdem auch einfach nur eine gut erzählte Geschichte. Die provoziert und einen seine eigen Welt im Anschluss mit anderen Augen und etwas mehr Abstand betrachten lässt. Leseempfehlung, wenn es mal eine nicht seichte Geschichte sein darf.

Mirage – Matt Ruff
Deutsch von Giovanni und Ditte Bandini
490 Seiten, Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN 9783423280211, 21,9 €
Gebunden

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