Besprechungen Krimis und Thriller

Tom Hillenbrand – Drohnenland

7. Juli 2014

drohnenlandreal

Europa in ein paar Jahrzenten. Der Klimawandel ist in vollem Gange, der Hamburger Hafen liegt unter Wasser, Holland hat sich in eine Sumpflandschaft verwandelt. Neben Brasilien und China ist die EU mit 38 Mitgliedsstaaten die dritte Weltmacht, die USA haben ausgespielt. So gut wie jeder läuft mit Datenbrillen herum und sammelt ständig Informationen, Drohnen sind allgegenwärtig. Kurz vor der Abstimmung über die neue EU-Verfassung wird ein Parlamentarier auf freiem Feld erschossen. Kommissar Westerhuizen ermittelt, zum Glück muss man in dieser Zukunft dafür gar nicht mehr vor die Tür, Tatorte und sogar Beschattungen kann man in virtuellen Welten, sogenannten Spiegelungen erledigen. Aber was ist, wenn die Daten dieser Spiegelungen manipuliert werden? Wer könnte ein Interesse am Tod nicht nur eines Parlamentariers haben? Und schon sieht Westerhuizen sich selbst in der Schusslinie, er wird vom Jäger zum Gejagten.

Die Welt, die Tom Hillenbrand hier entwirft, ist düster und an vielen Punkten ist es gut vorstellbar, dass es in nicht ferner Zukunft ähnlich aussehen könnte. Diese düstere Atmosphäre entsteht nicht durch ellenlange Beschreibungen, es sind Bemerkungen, die ganz nebenbei fallen, deswegen aber nicht weniger eindrücklich sind.

Allerdings hatte ich ein Problem, das Buch zeitlich einzuordnen. Anhand der wenigen genannten Eckpunkte würde ich sagen, ca. 2050 /2060. Aber wären dann Datenbrillen immer noch die Standardausrüstung und Datenkontaktlinsen das neue Nonplusultra? Weil mir das wirklich zu denken gab, habe ich den Autor auf Twitter gefragt, wann „Drohnenland“ zeitlich einzuordnen wäre. Er wusste es selbst nicht, hat sich beim Schreiben, laut seiner Aussage, darüber nicht wirklich Gedanken gemacht. Das merkt man dem Buch leider auch an.

Es gab noch ein paar andere Punkte, an denen mir der Spaß an der Lektüre durch Logikbrüche genommen wurde. Wer würde sich zum Beispiel auf der Flucht mal eben fast die Zehen brechen, um sein Bewegungsmuster zu ändern, wenn es ein paar Steine im Schuh auch tun würden? Auf weitere Punkte will ich jetzt nicht eingehen, weil das ohne Spoiler kaum möglich ist. Wer weniger Probleme mit Logikfehlern hat, wird sie auch kaum bemerken und trotzdem Spaß mit dem Buch haben. Wie zum Beispiel der Kaffeehaussitzer.

Alles in allem ein ganz netter Krimi, der aber weniger als Krimi überzeugt, mehr als düstere Zukunftsvision.

Drohnenland – Tom Hillenbrand
423 Seiten, Kiepenheuer & Witsch Verlag
ISBN 9783462046625, 9,99 €
Taschenbuch

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Hier die Konversation auf Twitter, auf die ich mich in der Rezension beziehe.

THScreenshotklein

Warum ich das hier ergänze? Deswegen:

3 Kommentare

  • Antworten Philipp Elph 8. Juli 2014 von 09:43

    Ob es das Drohnenland von 2040, 2050 oder in einem anderen Jahr der nahen Zukunft ist, das Tom Hillenbrand beschreibt ist unwichtig. Trotzdem habe ich mir auch Gedanken über den Zeitpunkt gemacht. Anhand der Musik, die Westerhuizen in seiner Jugend gehört hat, komme ich auf den Zeitraum in den frühen 40er Jahren.
    http://krimilese.wordpress.com/2014/06/20/tom-hillenbrand-drohnenland/

    An Papiergeflüster: Link bei Nichtgefallen bitte löschen

    • Antworten Papiergeflüster 8. Juli 2014 von 12:56

      @Philipp Elph: Der Link ist kein Problem, danke. 🙂 Ich hatte die “Berechnung” am sehr alten Auto von 2019 festgemacht, dass die Analysten früher mal hatte. Wie viele Jahre man dem “früher” gibt, ist ziemlich frei. 🙂

      • Antworten Philipp Elph 8. Juli 2014 von 13:50

        Wesentlich ist das Szenario, dass Tom Hillenbrand darstellt – und das ist ebenso bedrückend wie faszinierend, aber in großen Teilen vorstellbar.

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