Belletristik Besprechungen

Stephen Kelman – Pigeon English

18. März 2011

Harri Opoku ist erst vor kurzem mit seiner Mutter und seiner Schwester aus Ghana nach London gekommen. Hier leben sie in einer Sozialwohnung, die Sitten auf der Straße und in der Schule sind hart. Harri liebt die Tauben, träumt davon sich durch das gesamte Harribo-Sortiment durch zu naschen und ist der schnellste Läufer seines Jahrgangs. Vor der Realität kann er aber nicht lange davon laufen. Als auf der Straße ein Junge erstochen wird, beginnt er zu ermitteln. Wer den Mund hält, wer mitmacht ohne zu fragen, der gehört dazu. Doch will Harri dazu gehören? Er ist anders. Doch anders sein ist in dieser Welt gefährlich.

Stephen Kelman bringt dem Leser in „Pigeon English“ die Welt der Straßengangs etwas näher. Anfangs hatte ich ein wenig Probleme mit dem Schreibstil, da ich „Alder, ichschwör ey…“ schon in öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer ertrage. Da die Geschichte aus der Sicht und daher auch in der Sprache Harris erzählt wird, kommt „Ichschwör!“ ziemlich oft vor. Nachdem ich meine Abneigung gegen diese Redewendung überwunden hatte, passte es auch sehr gut. Durch die Sprache wird einem die ganze Art der Jugendlichen näher gebracht.

Nach der Lektüre von „Pigeon English“ kann ich etwas besser nachvollziehen, wie es sein muss, in so einer Gegend aufzuwachsen. Wie wenig Möglichkeiten die Jugendlichen haben, sich vor dem Leben in einer Gang zu schützen. Die sicherste Möglichkeit zu überleben ist mit zu machen, auch wenn es gegen die eigenen Grundsätze verstößt. Harri sieht diese Welt mit der Naivität eines Elfjährigen, was seine Erlebnisse umso realistischer wirken lässt.

Dieses Buch hat mich sehr bewegt, auch nach der letzten Seite denke ich noch oft an Harri zurück. Ein Roman, den ich nicht jedem empfehlen würde. Aber all jenen, die bereit sind einen Blick in diese fremde Welt zu riskieren, die sich in jeder Großstadt findet. Oft nicht weit entfernt von der eigenen Haustür.

Pigeon English – Stephen Kelman
298 Seiten, Berlin Verlag
ISBN 9783827009753, 19,90 €
Hardcover

1 Kommentar

  • Antworten rosenreslie 12. September 2011 von 19:32

    Ich habe mich bis 2/3 des Buches durchgekämpft, bis ich schließlich entnervt von der Sprache aufgegeben habe. Der Leser versteht recht schnell, um was es in der Geschichte gehen soll. Dass dafür die Sprache ein tragendes Element ist, ist auch klar. Wenn aber die Geschichte zu schwach ist, dann wird die Sprache zu dominant. Das ewige F… dich… wirkt dann nur noch aufgesetzt. Natürlich möchte man wissen, ob Harri den Mörder überführt, man spürt, dass er eigentlich ein ganz Sensibler ist, aber leider kommt der rote Faden der Geschichte nicht so rüber. Leider!

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