Belletristik Besprechungen

Rachel Joyce – Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

29. April 2012

 

Harold bekommt eines Tages einen Brief. Von einer ehemaligen Kollegin, die er schon vor langer Zeit aus den Augen verlor. Sie schreibt ihm, um sich zu verabschieden, sie hat Krebs im Endstadium. Als er seine Antwort in den Briefkasten werfen will, führt sein Weg ihn spontan sehr viel weiter. Er beschließt, ihr den Brief selbst zu bringen. Dafür muss er von Südengland  bis an die schottische Grenze laufen, mit über 60 Jahren kein kurzer Weg. Aber für Queenie will er laufen, er hat das Gefühl, ihr etwas zu schulden. Sie hat ihm damals in einer schweren Zeit sehr geholfen, er sich aber nie dafür bedankt. So macht er sich auf diese Pilgerreise, für sich, für Queenie, aber auch für seine Frau Maureen und seinen Sohn David. Dann während des Laufens hat er viel Zeit, sich über die Vergangenheit Gedanken zu machen. So wird der Weg zu Queenie auch ein Weg zu sich selbst. Wird er rechtzeitig bei Queenie ankommen?

„Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ beginnt so ruhig und unscheinbar, wie auch Harold selbst ist. Nach und nach tauchen immer mehr schöne Sätze auf, Szenen die einen berühren, zum nachdenken bringen. Harold gewinnt an Format, umso mehr er auf der Pilgerwanderung zu sich selbst findet. Er gesteht sich so manchen Fehler ein, hadert mit vergangenen Entscheidungen. Er wäre so gerne ein anderer Mann gewesen. Aber jetzt tut er endlich etwas. Ganz egal, was die anderen von ihm denken.
Harold begegnet vielen Menschen, die ihm ihre Geschichte erzählen. Und stellt schon bald fest, dass es viele Menschen wie ihn gibt. Nach außen hin unauffällig, aber innerlich zerrissen. Ohne das ihnen jemand ansieht, wie es in ihnen aussieht. „Welche unmenschlichen Anstrengungen es sie manchmal kostete, normal zu scheinen, zugehörig zur scheinbar so einfachen Welt des Alltäglichen“ (Seite 110).
Wie es in Harold und Maureen wirklich aussieht, erfahren die Leser erst ganz am Ende. Ein Ende, das einen nach dem letzten Satz noch eine ganze Weile sitzen bleiben lässt. Das man noch einmal Revue passieren lässt. Traurig und fröhlich zugleich.

Ein wunderschönes Buch über eine ganz besondere Reise. Ich wünsche Harold noch viele Begleiter auf seinem Weg.

Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry – Rachel Joyce
379 Seiten – Krüger Verlag
ISBN 9783810510792, 18,99 €

Erscheint am 16. Mai 2012

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