Belletristik Besprechungen

Mirna Funk – Winternähe

3. September 2015

Winternaehe

Lola lebt in Berlin und ist Jüdin. Auch wenn orthodoxe Juden das anders sehen, weil ihre Mutter keine Jüdin war, weshalb Lola der Halacha nach auch keine Jüdin ist. Sie wuchs bei ihren jüdischen Großeltern auf, die den Holocaust überlebten, Lola fühlt sich als Jüdin. Der ständige Antisemitismus, dem sie auch in unserer Zeit noch immer wieder begegnet, nervt sie. Als ein Bekannter auf einer Ausstellung ihrem Bild ein Hitlerbärtchen aufmalt, rastet Lola aus. Letztendlich landet sie in Tel Aviv, wo sie Familie und einen Geliebten hat. Es herrscht Krieg in Tel Aviv, genauso wie in Lola selbst.

Wer ist sie überhaupt? Jüdin oder doch Nichtjüdin? Wieviel von uns macht das aus, was wir von der Vergangenheit mitgegeben bekommen? Lola wuchs in Ost-Berlin auf, ihr Vater flüchtete schon bald über die Grenze, die Mutter verließ sie ebenfalls nicht lange später. Auch wenn ihre Großeltern sie liebevoll großzogen, Lola ist nicht zu Nähe fähig, ersetzt ihre Sehnsucht nach Liebe durch Sex mit häufig wechselnden Männern. Nur niemals Verletzlichkeit zeigen.

Mirna Funkt hat mich mit „Winternähe“ beeindruckt. Nicht nur das jüdische Leben in Deutschland ist Thema, auch Israel und die verschiedenen politischen Ansichten dazu werden aus verschiedensten Sichtweisen erläutert. Ebenso die verschiedenen Arten des Judentums, unvergessen Lolas Gespräch mit einem orthodoxen Juden, bei dem man als Leser die Argumente beider Gesprächspartner nachvollziehen kann.

Trotz all dem ist es kein politisches Buch, sondern die Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach sich selbst und ihrem eigenen Weg. Ihre Familiengeschichte, ihre Liebesgeschichte und die Suche nach ihrer Identität. Lebendig erzählt, offen und ehrlich, wie Lola nur zu sich selbst ist. Oder in den vielen, nie abgeschickten, Briefen an ihren Vater.

"buchhandel.de/

Winternähe – Mirna Funk
352 Seiten, S. Fischer Verlag
ISBN 9783596033485, 10,99 €
Gebunden

 

2 Kommentare

  • Antworten Mareike von Herzpotenzial 13. September 2015 von 23:21

    Das Buch klingt sehr interessant und bewegend. Leider habe ich keine Karten mehr für den Debütantensalon hier in Hamburg bekommen, bei dem sie in den nächsten Tagen liest…

    Das Buch möchte ich mir demnächst nochmal in Ruhe anschauen.
    Liebe Grüße
    Mareike

    • Antworten Papiergeflüster 14. September 2015 von 19:42

      @Mareike sehr schade, in einer Lesung wirkt das Buch wahrscheinlich noch viel intensiver. Es war wirklich großartig.

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