Belletristik Besprechungen

Michael Kleeberg – Das amerikanische Hospital

20. Oktober 2010

Hélène und David lernen sich im amerikanischen Hospital in Paris kennen. Sie ist dort, um mit Hilfe der Medizin endlich ihren Kinderwunsch erfüllen zu können. Er wird wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung behandelt, an der der Soldat nach seiner Teilnahme am Irakkrieg leidet. Ihre erste Begegnung verläuft weniger schön, er bricht vor ihren Augen zusammen. Doch bald treffen sie sich zufällig wieder, geraten ins Gespräch und beginnen eine Freundschaft, die sich mit der Zeit immer mehr vertieft. Beide haben ihr emotionales Päckchen zu tragen, sich dem anderen anvertrauen zu können hilft beiden.

„Das amerikanische Hospital“ hat mich positiv überrascht. Der Roman steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2010, was für mich gleichbedeutend mit „großer Literatur“ ist und die Vorstellung „schwer lesbar“ auslöste. Ich konnte sehr schnell feststellen, dass ich damit falsch lag. Michael Kleeberg schreibt sehr eindringlich und fesselnd, er fängt die Atmosphäre der Szenen wunderbar in Worten ein. Gleichzeitig spürt man, dass er weiß, wovon er schreibt. Anfang der 90er Jahre, die Zeit, in der auch dieser Roman spielt, war Kleeberg für vier Wochen in Beirut und lernte das Land und seine Kultur kennen. Dieses Wissen wird ihm hier zu Gute gekommen sein. Aber auch die Probleme Hélènes beschreibt er sehr realistisch.

Die Gespräche zwischen Hélène und David drehen sich oft um den Krieg, dessen Sinn oder Unsinnigkeit. David ist als amerikanischer Soldat überzeugt von dem, was das amerikanische Regime predigt. Zumindest zu Beginn ihrer Unterhaltungen. Hélènes Vater kam seelisch gebrochen aus einem Krieg zurück, sie verabscheut jedwede Kriegshandlung und verurteilt den Irakkrieg. Davids Berichte von seinen Einsätzen sind verstörend, nicht nur weil man als Leser weiß, dass genau das Tag für Tag irgendwo geschieht. Immer wieder.

„Das amerikanische Hospital“ hat mich sehr beeindruckt und mir mal wieder bewiesen, dass einen Bücher überraschen können. Auch ausgezeichnete Literatur kann unterhalten und muss nicht schwer lesbar sein. Wenn dieses Buch schwer verdaulich ist, dann wegen seiner traurigen Thematik, vor der man aber nicht die Augen verschließen sollte. Kleeberg erleichtert einem die Lektüre, in dem er schaurige Kriegsszenen mit angenehmen Alltagsszenen abwechseln lässt.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, das ich nicht mal zum Kochen aus der Hand legen wollte, was nicht viele Bücher schaffen. Es lohnt sich, ab und an mal über seinen Schatten zu springen und etwas Neues auszuprobieren.

Das amerikanische Hospital – Michael Kleeberg
233 Seiten, DVA
ISBN 9783421043900, 19,99 €
Hardcover

5 Kommentare

  • Antworten Kaja 17. November 2010 von 21:43

    Das Buch habe ich mir jetzt auch beim Verlag bestellt. Klang sehr interessant und im Dezember ist bei mir um die Ecke eine Lesung von Kleeberg. Hoffentlich schaffe ich es dahin! 😀

    • Antworten Emily 18. November 2010 von 07:53

      @Kaja: Um die Lesung beneide ich Dich jetzt schon!

  • Antworten Kaja 18. November 2010 von 08:20

    Es gibt aber noch ziemlich viele weitere Lesungen von ihm. Du wohnst doch in Würzburg, oder? Da gibt es auch eine im April nächsten Jahres. Ist zwar noch ein bisschen hin, aber die Zeit kann man sich ja anderweitig vertreiben 😉

    • Antworten Emily 18. November 2010 von 20:52

      @Kaja: April ist wirklich noch sehr weit entfernt, lange genug Zeit, weiterhin neidisch auf Dich zu sein, weil Du die Lesung demnächst schon besuchen kannst. 😉

  • Antworten Michael Petrikowski 6. März 2011 von 19:20

    Michael Kleeberg wird für den Roman mit dem Evangelischen Buchpreis 2011ausgezeichnet.

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