Belletristik Besprechungen

Marie-Sabine Roger – Das Labyrinth der Wörter

5. Dezember 2010

Germain schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben und wohnt in einem Wohnwagen, der im Garten seiner Mutter steht. Ohne Schulabschluss hat er auch wenig Alternativen, lesen kann er nur mühsam. Wenn er nicht gerade bei seinen Freunden in der Kneipe ist, verbringt er seine Freizeit oft im Park. Dort kennt er jede Taube, hat ihnen allen Namen gegeben und sie immer und immer wieder gezählt. Eines Tages lernt er auf der Parkbank Margueritte kennen, eine alte Dame, die ebenfalls gerne die Tauben besucht. Sie freunden sich an und mit der Zeit weckt Margueritte in Germain die Lust zum Nachdenken. Margueritte liest ihm die spannenden Teile aus Büchern vor, so macht Germain selbst „Die Pest“ von Albert Camus Spaß und nach und nach entdeckt er die Literatur für sich. Denn „wenn man unkultiviert ist, heißt das nicht, dass man nicht kultivierbar ist. Man muss nur an einen guten Gärtner geraten“ (Seite 125). Margueritte versteht es, die zarte Pflanze der Neugier bei Germain zu hegen und wachsen zu lassen. Vorsichtig führt sie ihn durch das Labyrinth der Wörter, bis er seinen Weg selbst findet.

„Das Labyrinth der Wörter“ ist ein zauberhaftes Buch. Schon nach wenigen Seiten hatte ich Germain ebenso ins Herz geschlossen wie Margueritte. Er wirkt ungehobelt, ist ein großer und breiter Kerl, er weiß kaum, wie man sich anständig benimmt. Doch Margueritte hat hinter der harten Schale den weichen Kern entdeckt. Germain hatte es nicht leicht im Leben, er hat einfach nicht gelernt, wie Menschen miteinander umgehen können und wie viel Spaß es machen kann, die Welt durch Bücher kennen zu lernen. Doch dafür ist es nie zu spät.

Ein Buch, das einem zeigt, dass man nicht voreilig über andere urteilen sollte. Es ist gut möglich, dass man überrascht wird. Nach diesem Buch wünscht man jedem Germain seine Margueritte und seine Annette. Die eine lehrt ihn Denken, die andere Lieben.

Ich habe das Buch am Stück gelesen, ich konnte es nicht nur nicht mehr aus der Hand legen, ich konnte nicht mal mehr zu Ende denken, was ich eigentlich noch tun wollte, schon steckte ich wieder in der Geschichte und folgte Germain und Margueritte gebannt auf ihrem Weg.

„Das Labyrinth der Wörter“ ist ein wunderschöner Roman, ohne jeden Kitsch aber mit soviel Gefühl, dass einem beim Lesen ganz warm wird. Das perfekte Buch für einen gemütlichen Winterabend.

Das Labyrinth der Wörter – Marie-Sabine Roger
205 Seiten, Hoffmann und Campe
ISBN 9783402544, 18,00 €
Hardcover

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