Besprechungen Phantastik

Ju Honisch – Jenseits des Karussells

6. November 2010

Dunkle Mächte spinnen ihre Pläne, Schauplatz des Spektakels soll München sein, „eine Stadt, in der die brillanten Gedanken begabter Geister im Dunkeln leuchten“. Die geistige Elite der Stadt trifft sich  immer öfter auf einer der Soireen bei Professor Lybratte, dessen zweite Ehefrau die Herren zu unterhalten und zu bezirzen weiß. Ihrer Stieftochter Catty gegenüber zeigt sie jedoch ein ganz anderes Gesicht. Sie hält Catty quasi im Haus gefangen, unter der Fuchtel einer nicht nur strengen, sondern auch unheimlichen Gouvernante. Bis Catty eines Tages die Flucht gelingt, doch auf ganz anderem Wege als jemand geahnt hätte, nämlich auf vier Pfoten.

Währenddessen hat Thorolf Treynstern sein Leben als Jurist satt und will in München ein neues als Künstler beginnen. Seine wenig begeisterte Mutter reist ihm hinterher, doch nicht nur, um ihn wegen seines neuen Lebenswandels zu rügen. Sie hat erschütternde Neuigkeiten für ihn, seine Abstammung betreffend. Kann er deshalb im Dunkeln besser sehen als andere? Haben seine visionären Zeichnungen etwas mit seinem Erbe zu tun? Schon seit Jahren zeichnet er immer wieder dasselbe Mädchen, obwohl er sie nie getroffen hat. Bis sie ihm eines Abends in die Arme läuft und er sich vor einer riesigen, zweiköpfigen Spinne rettet.

Das hier Mächte im Spiel sind, deren Möglichkeiten sich weder Thorolf noch sein Mitbewohner Ian McMullen, Student des Arkanen, auch nur im Entferntesten ausmalen können, bekommen sie bald zu spüren. Können sie die Pläne dieser Mächte durchkreuzen, oder gehen sie ihnen ins Netz?

Die Inhaltsangabe ist für mein Verhältnisse ziemlich lang geraten, und doch fehlt noch so vieles. Die Handlung in „Jenseits des Karussells“ ist vielschichtig und lange rätselhaft. Erst nach und nach entwirren sich auch für den Leser die Fäden, wird sichtbar wer hinter dem Komplott steckt und was der Zweck des ganzen ist. Spannend ist es trotzdem von der ersten Seite an, der Leser möchte wissen, wer die geheimnisvolle Macht ist und was sie genau ausheckt. Was oder wer steckt hinter der merkwürdigen Frau Lybrate und wer ist der geheimnisvolle und betörende Lord Edmond?

Ju Honisch hat einen wunderschönen Schreibstil, der mich vom ersten Satz an gefangen nahm. Sie versteht es die Atmosphäre so detailliert darzustellen, dass man meint, neben den Protagonisten im Raum zu stehen. Ihre Charaktere sind so plastisch, dass man nach dem Buch das Gefühl hat, Freunde zu verlassen, die man seit Jahren kennt. Obwohl die Geschichte relativ anspruchsvoll ist, liest sie sich schnell und flüssig. Immer wieder versinkt man so tief in der Geschichte, dass man gar nicht mehr merkt, wie die Seiten vergehen.

Einige der Charaktere hatten schon in den vorherigen Büchern, „Das Obsidianherz“ und „Salzträume“ von Ju Honisch Abenteuer zu bestehen. Man muss diese Geschichten aber nicht kennen. Das ein oder andere wird erwähnt und macht damit Lust, auch diese Bücher möglichst schnell zu lesen. Wichtiges Wissen für dieses Buch fehlt einem nicht.

Dank „Jenseits des Karussels“ habe ich mit Ju Honisch eine weitere Perle unter den deutschen Fantasyautoren entdeckt. „Das Obsidianherz“ wurde 2009 mit dem Deutschen Phantastik Preis für das beste deutschsprachige Romandebüt ausgezeichnet, nach „Jenseits des Karussells“ ahne ich warum. Ihre schon erschienenen Bücher stehen jetzt ganz oben auf meiner Wunschliste. Wer gerne auch mal etwas anspruchsvollere Phantastik liest, sollte sich ihre Romane auf keinen Fall entgehen lassen.

Jenseits des Karussells – Ju Honisch
828 Seiten, Feder & Schwert
ISBN 9783867620772, 16,95 €

4 Kommentare

  • Antworten Anette 6. November 2010 von 18:20

    Sehr schön, noch jemand der Ju Honisch für sich entdeckt hat 😀

  • Antworten Melanie 7. November 2010 von 09:25

    Hallo Simone,

    ich habe dich gerade für den “One-Lovely-Blog-Award” nominiert, schau doch mal vorbei.

    Liebe Grüße,
    Melanie

    • Antworten Emily 7. November 2010 von 12:45

      @Melanie: Vielen Dank!

  • Antworten Papiergeflüster » Blog Archiv 7. Januar 2011 von 21:03

    […] ein paar Monaten hatte ich von ihr schon “Jenseits des Karussells” gelesen, oder eher verschlungen. Obwohl “Das Obsidianherz” ihr Romandebüt ist, […]

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