Belletristik Besprechungen

Joёl Dicker – Die Geschichte der Baltimores

19. Mai 2016

Baltimores

Die Goldmans, das sind die Goldmans aus Baltimore und die Goldmans aus Montclair. Der Kürze wegen die Baltimores und die Montclairs. Die Baltimores leben ein traumhaftes Leben in einem großen Haus, mit Sommerhaus in den Hamptons und einem Ferienappartment in Florida. Sie sind reich, der Vater ein erfolgreicher Anwalt, die Mutter eine erfolgreiche Ärztin, der eine Sohn ein Genie, der andere eine Sportskanone. Marcus gehört zu den Montclairs, deren Durchschnittlichkeit ihm immer ein bisschen peinlich ist. Die Ferien verbringt er bei seinen Cousins in Baltimore und sonnt sich in deren Glanz. Doch auch Reichtum schützt nicht vor Unglück, die Baltimores erleben eine furchtbare Katastrophe. Als Marcus Jahre später versteht, was damals wirklich geschah, sieht er vieles mit anderen Augen als früher.

„Die Geschichte der Baltimores“ ist eine Familiengeschichte und kein Krimi, wie „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“. Auch wenn beide Bücher vom Schriftsteller Marcus Goldman erzählen, haben sie nichts miteinander zu tun und können unabhängig voneinander gelesen werden. „Harry Quebert“ hatte ich damals verschlungen und entsprechend hohe Erwartungen an „Die Baltimores“.

Auch das zweite Buch von Joёl Dicker ist wieder ein schöner Schmöker, wenn auch auf einer anderen Ebene. Drehte sich bei „Harry Quebert“ die gesamte Handlung ständig mit neuen Erkenntnissen total um, entblättert sich die Wahrheit hier langsam, aber geradlinig. Schon gleich zu Beginn erfährt der Leser von der anstehenden Katastrophe, die ihn durch das gesamte Buch begleiten wird.

Das ist auch der Punkt, den ich an diesem Buch bemängeln möchte. Ich hätte wirklich gerne gezählt, wie oft das Wort „Katastrophe“ erwähnt wird. Ich fühlte mich wie der Esel, dem ständig die Karotte zu Motivationszwecken vor die Nase gehalten wird, so oft wird man auf die Katastrophe aufmerksam gemacht. Ein ziemlich billiges Spannungselement, das seinen Nutzen damit schnell einbüßt und eher zum Nervfaktor wird. Etwas weniger davon hätte dem Buch gut getan.

Das Ende hat mich dann aber doch wieder versöhnt. Es bringt ein wenig Realismus in die Pseudo-Glitzerwelt und ja, es war ein wenig traurig. Auf die glücklich machende Art traurig und gerade deswegen schön.

Wer keinen zweiten „Harry Quebert“ erwartet und mit den überzähligen Katastrophenerwähnungen umgehen kann, den erwartet eine süffig zu lesende Familiengeschichte mit der einen oder anderen überraschenden Wendung, alles in allem ein wirklich gelungener Roman.

"buchhandel.de/

Die Geschichte der Baltimores – Joёl Dicker
Deutsch von Brigitte Große und Andrea Alvermann
510 Seiten, Piper Verlag
ISBN 9783492057646, 24,00 €
Gebunden

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eBook
ISBN 9783492973045, 17,99 €

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5 Kommentare

  • Antworten Ina Degenaar 19. Mai 2016 von 17:05

    Ich habe noch vor, das Buch zu lesen, aber deine Rezi liest sich, als ob du nur gebremst begeistert bist. Den “Harry Quebert” fand ich auch super, mal sehen, wie mir die Baltimores gefallen ☺

    • Antworten Papiergeflüster 19. Mai 2016 von 18:54

      @Ina: stimmt, ich war nicht 100% begeistert. Habe aber schon von vielen gehört, dass es ihnen super gut gefallen hat. Also am besten wirklich einfach selbst testen. 🙂

  • Antworten DerSinn 19. Mai 2016 von 17:54

    Klingt ja, als ob es rauf und runter gewesen wäre. Ich behalte es jedenfalls im Hinterkopf. 🙂

    • Antworten Papiergeflüster 19. Mai 2016 von 18:54

      @DerSinn eher ein hoher Anfang, dann ein langsames Gefälle, am Ende wieder eine steile Steigerung. 😉

  • Antworten Thomas 15. Juni 2016 von 21:14

    Kann Deiner schönen Rezension in allen Punkten zustimmen, mir hat das Buch auch sehr gefallen. Lässt sich wirklich “süffig” lesen und hat mich damit aus einer kleinen Leseflaute (Jane Austens Emma zieht sich gegen Ende etwas…) geholt. Da ich Harry Quebert noch nicht kenne, werde ich mir den auch mal vormerken.

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