Besprechungen Gezeichnetes

Grouazel + Locard – Éloi

28. September 2015

Eloi

Mitte des 19. Jahrhunderts, eine Fregatte kehrt von Neukaledonien zurück nach Frankreich. Mit an Bord ist Éloi, ein Bewohner der südwestpazifischen Insel. Auf so einem Schiff ist es eng, es gibt keine Privatsphäre, die Arbeit ist hart, die Verpflegung meist nicht die beste, zumindest für die Mannschaft. Das sorgt schon für Spannungen, ohne dass man ihnen einen Fremden in die Mitte setzt, der angeblich Kannibale ist und kein Wort ihrer Sprache spricht. Es dauert nicht lange, bis sich die Angst in Aggression wandelt, Éloi hat es nicht leicht auf dieser Reise.

Wahrscheinlich wollte er gar nicht auf diese Reise gehen, aber der Naturforscher Delaunay wollte unbedingt einen Kanaken als Forschungsobjekt mit nach Frankreich nehmen. Die Stammesältesten ließen sich überzeugen, Éloi war auch einer der wenigen Eingeborenen, die sich taufen ließen, also muss er jetzt mit auf dieses Schiff.
(Anmerkung: Urbevölkerung dieser Inseln wird Kanaken genannt, den Ausdruck habe ich übernommen, er hängt nicht mit dem rassistisch missbrauchten Wort zusammen, wie es häufig für andere Bevölkerungsgruppen verwendet wird.)

Niemand machte sich Gedanken, welche Rolle er dort spielen soll, so wird er in mehrere gleichzeitig gedrängt, fühlt sich überall fremd und findet nur schwer seinen Platz. Vom ersten Tag an wird er gezwungen, einen Teil der Arbeiten auf dem Schiff zu übernehmen, Arbeiten von denen er bisher keine Ahnung hatte, die Anweisungen versteht er nicht. Vom ersten Tag an wird er ständig bestraft, auf dem Schiff bedeutet das Prügel bis Peitsche. Die Mannschaft fürchtet ihn, auch wenn niemand Beweise dafür gesehen hat, so hält sich doch das Gerücht, dass die Kanaken Kannibalen wären. Angst und Wut sind keine gute Mischung.

Éloi ist eine bedrückende Graphic Novel, dazu passt auch der Zeichenstil. Blau ist die einzige verwendete Farbe. Blau wie das Meer, blau wie die Schatten, blau wie die Dunkelheit in den engen Laderäumen der Fregatte. Szenen die im Bauch des Schiffes spielen sind so finster gezeichnet, wie es dort auch ist. Trotzdem aber immer detailreich, wie die ganze Geschichte. Der Zeichner beweist ein unglaubliches Wissen über den Aufbau von Schiffen, wer jedes Bild genau betrachtet, könnte anschließend ein 3D Modell der „La Renommée“ bauen. Auch auf Deck gibt es in jedem Bild so unglaublich viele Details, bewundernswert.

Viele der Bilder kommen ganz ohne Text aus, verlieren dadurch aber nicht an Aussagekraft. Ganz im Gegenteil. Ihre Wirkung verfolgt einen noch lange.

Wie reagieren die Menschen, wenn man etwas unbekanntes, das sie nicht verstehen, in ihr Leben zwingt? Heute noch ähnlich wie vor fast 200 Jahren. Deshalb ist Éloi nicht nur eine Geschichte über falsch verstandene Forschung, sondern auch über den Umgang miteinander, mit erschreckend vielen Parallelen zur heutigen Zeit. Manches wird sich wohl nie ändern.

"buchhandel.de/

Grouazel + Locard – Éloi
Deutsch von Annika Wisniewski
222 Seiten, avant Verlag
ISBN 9783945034316, 29,95 €
Hardcover

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1 Kommentar

  • Antworten Leserückblick September 2015 - Papiergeflüster 3. Oktober 2015 von 17:28

    […] Grouazel + Locard – Éloi Der Eingeborene Éloi soll als Forschungsobjekt mit zurück nach Frankreich fahren. Eine […]

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