Besprechungen Sachbuch

Gast-Rezension: Bob Dylan – Chronicles

10. Februar 2017
Diesen Beitrag per E-Mail versenden
Sie können maximal fünf Empfänger angeben. Diese bitte durch Kommas trennen.





Die hier eingegebenen Daten werden nur dazu verwendet, die E-Mail in Ihrem Namen zu versenden. Sie werden nicht gespeichert und es erfolgt keine Weitergabe an Dritte oder eine Analyse zu Marketing-Zwecken.

Chronicles

Mit dem Erscheinen des fulminanten Bandes seiner „Lyrics“, die alle Texte von 1962-2012 beinhaltet, hat nun der Hoffmann & Campe Verlag auch die Autobiografie des Literaturnobelpreisträgers von 2016 neu aufgelegt. Bob Dylan, der mit bürgerlichem Namen Robert Zimmermann heißt, erzählt in „Chronicles“ von seiner Karriere in der Popmusikgeschichte, die er als Songwriter wie kein anderer prägte.

Dass seine Lyrics stets viel mehr waren als nur Texte zu seinen Songs ist auch einer der Gründe, warum er den Literaturnobelpreis erhielt und warum dieses Buch eine wahre Freude ist. „Chronicles“ ist keineswegs chronologisch geschlossen, sondern schreitet in Quantensprüngen voran, Raum und Zeit sind aufgehoben. Alles ist hier in Bewegung, kreist um den Aufbruch, die Pionierzeit der Massenunterhaltung, die Ankunft und dem Blick zurück. Dylans zeitraffendes und zeitdehnendes Erzählen beschwört den Mythos des alten Amerikas noch einmal herauf und offenbart mit den dichten Schilderungen der Milieus und Charaktere hohen literarischen Anspruch.

Ich musste bei den Darstellungen der 1960 Zeiten stets an den Film „ Inside Llewyn Davis von Coen-Brüdern denken. Ein weiteres Indiz für die Fähigkeit des Autors, atmosphärische Stimmungen einzufangen. „Chronicles“ ist völlig frei von abschätzigen und skandalträchtigen Geschichten über Weggefährten und Kollegen. Es ist eine schonungslose Offenbarung ohne voyeuristischen Ansatz oder künstlerische Eitelkeiten. Dylan berichtet dabei auch von Schaffenskrisen, künstlerischem Stillstand, Katharsis und Neuorientierung. Er ist eben ein Künstler, der sich immer wieder gefragt hat, ob er seinem Publikum noch etwas zu sagen hat, ob er noch „brennende Inhalte“ mitteilen muss, ob seine musikalische Ausrichtung noch seinen Ansprüchen genügt. Ihm war der ganze Musikbetrieb stets suspekt und die Vermarktung seiner Person zuwider. Vielleicht erklärt sich daraus auch sein mürrisches und einsilbiges Auftreten gegenüber Presse und Medien.

Diese Autobiographie ist ein Panoptikum, das über eine kräftige Bildsprache verfügt und Dinge schnörkellos und direkt beim Namen nennt, stilistisch überzeugend und gerade deshalb auch zwischen den Zeilen vieles verbirgt.

Eine Gast-Rezension von Frank Paulus (Wortwerkstatt)

"buchhandel.de/

Chronicles, Volume one – Bob Dylan
Deutsch von Gerhard Henschel & Kathrin Passig
304 Seiten, Hoffmann & Campe Verlag
ISBN 9783455093858, 22,00 €
Hardcover

eBook
ISBN 9783455001044, 14,99 €

supportyourlocalbookdealer

Keine Kommentare

Hinterlasse eine Antwort

%d Bloggern gefällt das: