Belletristik Besprechungen

Dave Eggers – Der Circle

14. August 2014
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Dave Eggers – Der Circle

Mae ist überglücklich, sie hat tatsächlich einen Job beim Circle ergattert! Der Firma, die nach gerade mal sechs Jahren schon zu den bekanntesten auf der Welt gehört, deren Socialmedia Programme allgegenwärtig sind. Denn der Circle hat alle Nutzer mit einer einzigen Identität ausgestattet, ihrer wahren. Mit der können sie sich überall anmelden, einkaufen, sich mit Freunden austauschen. Facebook und Twitter waren einmal, Google ebenso. Jetzt gibt es Zing. Mae arbeitet in der Kundenbetreuung, unter ständigem Druck, Höchstleistungen zu bringen. Ein Kunde gab nicht die volle Punktzahl bei der Bewertung ihrer Leistung? Nachhaken! Oder zum Gespräch beim Chef. Zum Gespräch wird man auch gebeten, wenn man nicht genug sozial vernetzt ist. Virtuell wie real, die ständigen tollen Parties auf dem Campus sind nicht nur ein Angebot, man muss gesehen werden, sollte alle seine Aktivitäten öffentlich machen. Denn Sichtbarkeit macht die Menschheit besser, meint der Circle. Wer immer transparent ist, nichts verbergen kann, wird ein besserer Mensch sein. Mae rutscht schnell immer tiefer in diese Welt, in der jeder alles über alle wissen kann, es keine Geheimnisse mehr gibt. Ist ständige Sichtbarkeit für alle wirklich so erstrebenswert?

„Der Circle“ ist so spannend, weil all das nur einen kleinen Schritt in der Zukunft liegt. Vernetzt sind viele von uns heute schon. Die totale Vernetzung ist nicht weit davon entfernt. Eine Welt, in der sich die Menschen ihre Bestätigung durch Smiles holen, was den Likes bei Facebook entspricht, und bei einem Frown ihre Welt in Stück zerbrechen sehen.

Welche Macht Unternehmen bekommen, wenn sie groß genug werden, und wie sie sie ausnutzen. Was Menschen alles mit sich machen lassen, wenn man ihnen Sicherheit und eine bessere Welt verspricht. Wie virtuelle Welten wichtiger als reale werden können. Welcher Druck durch immer größere Netzwerke entstehen kann. All das und noch viel mehr wird hier thematisiert.

Ein kleines Manko ist die Protagonistin, die beängstigend brav immer noch einen Schritt weiter geht, ohne sich je Gedanken darüber zu machen, was hier passiert. Selbst dann nicht, wenn die Menschen um sie herum eindeutig darunter leiden. Das ist etwas sehr naiv, tritt aber hinter der Spannung des Romans zurück und stört nicht wirklich.

Dave Eggers hat einen Roman geschrieben, der aufrüttelt und nachdenklich macht. Besonders vor dem Hintergrund der Überwachung durch die NSA. Die will natürlich keiner, aber wie viele Menschen würden die Produkte des Circle sofort nutzen, wenn es sie wirklich gäbe? Erschreckend viele, mit Sicherheit. Weil sie Sicherheit versprechen, in einer Welt, die immer unsicherer wird.

Ein großartiger Roman, den ich jedem empfehlen kann, der sich für diese Thematik interessiert.

Der Circle – Dave Eggers
Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
560 Seiten, Kiepenheuer & Witsch
ISBN 9783462046755, 22,95 €
Gebunden

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8 Kommentare

  • Antworten tinelesemomente 15. August 2014 von 09:36

    Das hört sich nicht uninteressant an, aber auch so, als würde es sich mehr wie ein Sachbuch und weniger wie ein Roman lesen. Oder trügt der Eindruck?

    • Antworten Papiergeflüster 15. August 2014 von 09:48

      Das habe ich dann falsch rüber gebracht, es ist definitiv kein Sachbuch, sondern ein spannender Roman. All das wird aus der Sicht von Mae beschrieben, die es erlebt. Unterhaltung, keine Arbeit 😉

      • Antworten tinelesemomente 15. August 2014 von 09:58

        Okay, also dass es ein Roman ist, hatte ich schon auch so verstanden. Aber es gibt ja durchaus auch Romane, die sich wie Sachbücher lesen.
        Aber wenn es Vergnügen und nicht Arbeit ist, dann merke ich mir das Buch mal.
        Liebe Grüße 🙂

  • Antworten Eggers, Dave: Der Circle [Abgebrochen] | DieLeserin bloggt ... 30. August 2014 von 12:26

    […] findet “Papiergeflüster” den Roman von […]

  • Antworten Leserückblick August 2014 - Papiergeflüster 9. September 2014 von 17:09

    […] Dave Eggers – Der Circle Ein Roman der nachdenklich macht, weil es theoretisch schon morgen genau so kommen könnte. Pageturner. […]

  • Antworten Wilko Steffens 27. Mai 2016 von 19:19

    Vielen Dank für die interessante Besprechung. Das Buch gehört leider zu den wenigen, die ich abgebrochen habe, da mich auf der einen Seite die Naivität der Protagonistin massiv gestört hat. Auf der anderen Seite hatte ich aber auch die ganze Zeit über das Gefühl, dass Dave Eggers nicht wirklich wusste, worüber er schreibt. Da Du so begeistert warst, sollte ich dem Buch vielleicht dennoch eine zweite Chance geben. 🙂

    • Antworten Papiergeflüster 27. Mai 2016 von 19:25

      Ach was, dieses Buch frisst man am Stück, oder mag es nicht. Das ging vielen so, ist ja immer Geschmackssache. Es gibt genug andere Bücher, die man stattdessen lesen kann. 🙂

      • Antworten Wilko Steffens 27. Mai 2016 von 19:26

        Was die vielen Bücher angeht, hast Du definitiv recht. 🙂

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