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Clemens Tangerding – Würzburg in der Zeit Napoleons (Hörbuch)

18. November 2010

Am 16. November 2010 stellte Clemens Tangerding in der Würzburger Stadtbücherei am Falkenhaus sein Hörbuch “Würzburg in der Zeit Napoleons” (Eine Reise aus der Vergangenheit in die Gegenwart – Eine Lesung aus historischen Quellen) vor. Ich durfte das Hörbuch vorab als Rezensionsexemplar schon hören.

Angekündigt wurde das Buch im Pressetext als eine Reise in die Vergangenheit Würzburgs, in die Zeit Napoleons vor 200 Jahren. Denn schon damals erlebte Würzburg eine Krise, ähnlich wie gerade die Weltwirtschaftskrise. Über die Weltwirtschaftskrise wurde in den Medien viel berichtet, ihr Ursachen und Wirkungen auf die Gesellschaft und die Wirtschaft beleuchtet. Aber wie reagierten die einzelnen Menschen auf diese Krise? Und wie taten sie es in vergangenen Zeiten? Im Stadtarchiv der Stadt Würzburg finden sich Briefe, Reiseberichte und Bittgesuche aus vielen Jahren Würzburger Geschichte. Anhand dieser Dokumente unternimmt Clemens Tangerding  eine Reise in die Würzburger Vergangenheit und trifft dort auf Probleme, die den aktuellen doch sehr ähnlich sind.

Geprochen werden die Texte von Markus Grimm und Nell Pietrzyk, Alexander Wienand spielte am Klavier einige Stücke von Johann Sebastian Bach, Joseph Küffner und Ludwig van Beethoven ein.

Die Idee für das Hörbuch fand ich sehr interessant und hatte mich darauf gefreut, als Ralf vom Würzblog mich fragte, ob ich es besprechen möchte. Leider muss ich nach dem hören sagen, dass ich die Umsetzung alles andere als gelungen finde.

Worum es in dem Hörbuch überhaupt geht, wird erst nach einer viertel Stunde überhaupt erwähnt. Nach dem ersten Musikstück wird das Bittgesuch von Matheß Karl aus dem Jahr 1804 vorgelesen. Dessen Schicksal wirklich nicht leicht war, aber was ein verkrüppelter Fuß mit der allgemeinen Wirtschaft zu tun hat, wollte sich mir nicht erschließen. Anschließend berichtet der Sprecher von einem Treffen mit seiner Freundin Anna, die nach 12 Jahren von ihrem Freund verlassen wurde. Was das mit der Weltwirtschaftskrise zu tun hat? Ein Trennungsgrund war wohl, dass sie nicht bereit war, sich während der Krise eine neue Arbeitsstelle zu suchen, obwohl sie sich mit ihrer aktuellen Stelle nicht identifizieren kann. Diese Geschichte wirkt etwas konstruiert, als würde krampfhaft versucht, einen Aufhänger für das große Ganze zu finden. Jetzt wird nämlich endlich mal die Idee hinter allem erwähnt, der Autor möchte erfahren, welche Auswirkungen die Krise auf den einzelnen Menschen hatte.

Anschließend folgt eine sehr interessante Einführung in das vergangene Würzburg und seine abwechslungsreiche Geschichte, zu der Zeit wechselte es seine Herrscher teilweise öfter als diese ihre Leibwäsche. Dieser Abschnitt des Hörbuches gefiel mir sehr gut, auch wenn er immer noch wenig mit einer Wirtschaftskrise zu tun hat.

Nach einem Klavierstück aus der Feder des Würzburger Komponisten Joseph Küffner berichtet der Sprecher, wie er in einem Archiv auf das Bittgesuch des Lichterziehers (Kerzenmachers) Franz Sturm stößt, der darin bittet, nicht zum Kriegsdienst eingezogen zu werden. Nach diesem Bittgesuch dreht sich das Thema um heutige Bundeswehrsoldaten und ihre Traumata. Ein wichtiges Thema, aber der Autor begründete vorher seine Wahl der Krise zu Zeiten Napoleons und nicht der nach den Weltkriegen eben damit, dass Kriege eine besondere  Situation sind. Warum geht es jetzt um Soldaten?

Weiter geht es mit einem Krieg der ganz eigenen Art, mit jedem Herrschaftswechsel wurden auch die Lehrstühle an der Universität neu besetzt, die Professoren kämpften regelmäßig um ihre Stellen und gingen untereinander wohl nicht zimperlich miteinander um. In einigen Briefen wurde übelst über Konkurrenten hergezogen. Sicher ahnt ihr schon meine Frage:  Wirtschaftskrise?

Als Fazit aus diesem Abschnitt zieht der Autor, dass der Mensch in Zeiten der Krise erst vor der eigenen Haustür kehrt, statt, wie der Autor hoffte, politischer zu denken. Ich denke, das soll auch die Grundaussage des Hörbuches sein. Aber mal ganz ehrlich, so traurig diese Erkenntnis ist, das hätte ich dem Autor auch vorher sagen können, dafür hätte er nicht stundenlang in staubigen Archiven wühlen müssen.

Das Ende des Hörbuches lässt mich dann vollkommen ratlos zurück, verlesen wird ein Gästebucheintrag, gefunden auf der Internetseite der Stadt Würzburg, in dem der Schreiber des Eintrags nach Tipps für die Einbürgerung in Würzburg fragt.

Die Idee, die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf Einzelpersonen zu betrachten und mit vergangenen Krisen zu vergleichen fand ich sehr interessant. Leider muss man schon einiges an Phantasie mitbringen, um dieses Thema im Hörbuch zu entdecken. Was die psychischen Krisen von Soldaten oder die Trennung von Anna damit zu tun haben, blieb mir bis zum Schluss unverständlich. Vielleicht war das Thema Krise auch weiter gedacht als im Pressetext angekündigt, allerdings kratzten die Beiträge dann nur an der Oberfläche, eine Festlegung auf ein bestimmtes Thema wäre in dem Fall sinnvoller gewesen.

Wer sich für die genannten Themen interessiert und nach dieser Rezension vielleicht auch mit anderen Erwartungen an das Hörbuch herangeht, kann vielleicht doch sein Vergnügen damit haben. Die Sprecher haben ihre Arbeit sehr gut gemacht, es macht trotz allem Spaß ihnen zuzuhören. Die historischen Dokumente fand ich auch sehr interessant, es hätten gerne mehr sein dürfen.  Zu erwerben ist es entweder als Download auf der Seite von “jetzt und einst” oder in der Buchhandlung dreizehneinhalb.

5 Kommentare

  • Antworten Matthias Hofmann 18. November 2010 von 21:50

    Hmmm, so wie sich das anhört, ist man sich da -wie oft bei historischen Päsentationen- nicht klar gewesen, was man aus all den Archivschnipseln machen sollte.

    Einerseits: Buntes vielfältiges Bild des allgemeinen Lebens um 1800 (der Haupttitel klingt auch danach), dann aber doch wieder die thematische Einschränkung “Wirtschaftskrise” (damit ein Bezug zur Aktualität hergestellt wird).

    Das funktioniert meiner Meinung nach selten, denn archivalische Hinterlassenschaften lassen sich eben selten mal in ein dem Zeitgeschmack entsprechendes Gerüst zwängen. Das wirkt dann auch bewusst künstlich.

    Besser ist es, die entsprechende Zeitepoche in all ihrer Vielfalt darzustellen, dann stellen sich Parallelen zur Jetztzeit immer automatisch ein – und auch absolute Gegensätze.
    Das ist eben das Spannende an Geschichte, sie kann gleichzeitig vertraut und fremdartig sein, nie aber “Das war alles genauso wie heute!” oder “Das war damals alles ganz anders als heute!”.
    Man sollte eine solche Kompilation nie unter dem Gesichtspunkt angehen, alles reinzupacken, was auch nur halbwegs einer modernen Tendenz entspricht, und nur diese Zielsetzung vor Augen haben.

    Interessieren würd mich das Hörbuch trotzdem, bei uns im Archiv hab ich auch schon ähnliches Zeug gefunden – vielleicht sollte man da auch mal sowas draus machen 😉

    • Antworten Emily 18. November 2010 von 21:55

      @Matthias: ich glaube, eine Sammlung historischer Dokumente, ohne Vermischung mit aktuellen Themen, könnte ich mir sogar einige Stunden lang anhören. Das war wirklich interessant.

      Eine erste Hörerin hättest Du also schon mal für Dein Werk. 😉

  • Antworten Sabrina Banks 23. November 2010 von 14:57

    Ich kann mit der Rezension nicht ganz mitgehen und hatte bei der Lesung, die letzte Woche in Würzburg stattfand, ein anderes Empfinden.
    Da ich ja wusste, was Thema der Lesung sein sollte, fand ich es beispielsweise überhaupt nicht störend, dass erst nach einer viertel Stunde das Thema erwähnt wird. Schließlich handelte es sich ja nicht um eine wissenschaftlichen (Vor-)Lesung, bei der man eine klassische Gliederung aus Einleitung, Hauptteil, Schluss erwarten würde.
    Ich fand es auch sehr gelungen, wie die alten Quellen durch die Handlung in die heutige Zeit geholt wurden. Es zeigten sich Parallelen zwischen dem Verhalten der Menschen früher und heute, die für mich überraschend waren und ich nie erwartet hätte. Ich fand es gerade gut, dass die historischen Dokumente mit aktuellen Themen vermischt wurden. Alles andere – zum Beispiel das Verlesen alter Quellen in Reihe – hätte ich als ziemlich langweilig und anspruchslos empfunden. Ich könnte mir auf keinen Fall vorstellen, diese langen Orginaltexte mit der komplizierten Sprache und all den Schachtelsätzen “pur” und ohne Einordnung anzuhören. Ich glaub, dass könnten sowieso nur Fachleute… Jedenfalls kein so gemischtes Publikum, wie es bei der Lesung anzutreffen war.
    Zur Grundaussage der Lesung/des Hörbuches heißt es in der Rezension: “Aber mal ganz ehrlich, so traurig diese Erkenntnis ist, das hätte ich dem Autor auch vorher sagen können, dafür hätte er nicht stundenlang in staubigen Archiven wühlen müssen.” Ich fand diese Formulierung ganz schön krass und, mit Verlaub, auch ein bisschen herablassend. Würde man Werke immer danach bewerten, wie neu die aus ihnen hervorgehende Erkenntnis ist, wären wohl viele überflüssig.
    Vielleicht hat die Rezensentin die Erwartungen tatsächlich zu eng gesetzt. Ich hab mich jedenfalls nicht ständig gefragt, in welchen Unterabschnitten sich das Hauptthema widerspiegelt, sondern empfand die Geschichte als eine runde Sache und fühlte mich (obwohl es ein historisches Thema war!) gut unterhalten. Am Ende der Lesung war ich weder ratlos noch verwirrt, sondern überrascht und um einiges Wissen reicher.

    • Antworten Emily 23. November 2010 von 15:34

      @Sabrina: vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Bücher wie Hörbücher wirken auf jeden etwas anders, schön zu lesen, dass es auch begeistern konnte.

  • Antworten stefan rohrlich 25. November 2010 von 11:50

    Also, ich muss sagen, ich fand das Hörbuch mal was anderes. Da ich als Würzburger die (heutige) Stadt ziemlich gut kenne, fand ich es ziemlich interessant, ein paar geschichtliche Hintergründe von vor 200 Jahren zu hören und einzelne „Fälle“ von damals kennenzulernen. Klar, die Story ist hier nicht im Vordergrund und ist manchmal etwas konstruiert, aber das lässt sich mit historischen Quellen wohl kaum vermeiden. Aber was echt ganz cool ist, dass man ein paar mal so einen „Wiederekennungseffekt“ hatnach dem Motto: Das ist dort passiert wo ich vor ein paar Jahren jeden morgen zur Schule gefahren bin und so

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