Archiv für Sonstige Belletristik

Michael Kleeberg – Das amerikanische Hospital

Hélène und David lernen sich im amerikanischen Hospital in Paris kennen. Sie ist dort, um mit Hilfe der Medizin endlich ihren Kinderwunsch erfüllen zu können. Er wird wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung behandelt, an der der Soldat nach seiner Teilnahme am Irakkrieg leidet. Ihre erste Begegnung verläuft weniger schön, er bricht vor ihren Augen zusammen. Doch bald treffen sie sich zufällig wieder, geraten ins Gespräch und beginnen eine Freundschaft, die sich mit der Zeit immer mehr vertieft. Beide haben ihr emotionales Päckchen zu tragen, sich dem anderen anvertrauen zu können hilft beiden.

„Das amerikanische Hospital“ hat mich positiv überrascht. Der Roman steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2010, was für mich gleichbedeutend mit „großer Literatur“ ist und die Vorstellung „schwer lesbar“ auslöste. Ich konnte sehr schnell feststellen, dass ich damit falsch lag. Michael Kleeberg schreibt sehr eindringlich und fesselnd, er fängt die Atmosphäre der Szenen wunderbar in Worten ein. Gleichzeitig spürt man, dass er weiß, wovon er schreibt. Anfang der 90er Jahre, die Zeit, in der auch dieser Roman spielt, war Kleeberg für vier Wochen in Beirut und lernte das Land und seine Kultur kennen. Dieses Wissen wird ihm hier zu Gute gekommen sein. Aber auch die Probleme Hélènes beschreibt er sehr realistisch.

Die Gespräche zwischen Hélène und David drehen sich oft um den Krieg, dessen Sinn oder Unsinnigkeit. David ist als amerikanischer Soldat überzeugt von dem, was das amerikanische Regime predigt. Zumindest zu Beginn ihrer Unterhaltungen. Hélènes Vater kam seelisch gebrochen aus einem Krieg zurück, sie verabscheut jedwede Kriegshandlung und verurteilt den Irakkrieg. Davids Berichte von seinen Einsätzen sind verstörend, nicht nur weil man als Leser weiß, dass genau das Tag für Tag irgendwo geschieht. Immer wieder.

„Das amerikanische Hospital“ hat mich sehr beeindruckt und mir mal wieder bewiesen, dass einen Bücher überraschen können. Auch ausgezeichnete Literatur kann unterhalten und muss nicht schwer lesbar sein. Wenn dieses Buch schwer verdaulich ist, dann wegen seiner traurigen Thematik, vor der man aber nicht die Augen verschließen sollte. Kleeberg erleichtert einem die Lektüre, in dem er schaurige Kriegsszenen mit angenehmen Alltagsszenen abwechseln lässt.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, das ich nicht mal zum Kochen aus der Hand legen wollte, was nicht viele Bücher schaffen. Es lohnt sich, ab und an mal über seinen Schatten zu springen und etwas Neues auszuprobieren.

Das amerikanische Hospital – Michael Kleeberg
233 Seiten, DVA
ISBN 9783421043900, 19,99 €
Hardcover

Helene Hanff – 84, Charing Cross Road

Ein Briefwechsel, der tatsächlich so stattfand. Eine amerikanische Autorin mit einer Vorliebe für schöne Bücher und ein englischer Antiquar begleiten sich über 20 Jahre auf ihrem Lebensweg, ohne sich je persönlich getroffen zu haben. Alles begann mit einer geschäftlichen Bestellung, mit der Zeit wurden die Briefe immer persönlicher. Zwei Menschen, die die Liebe zu schönen Büchern eint, tauschten sich über Jahre hinweg nicht nur über Literatur, sondern auch über allgemeine, politische und persönliche Ereignisse aus.

„84, Charing Cross Road“ wurde mir schon so oft empfohlen, jetzt weiß ich warum. Es ist ein Buch, bei dem einem warm ums Herz wird. Kaum zu glauben, dass aus einer Bestellung so viel mehr werden kann. Ganz langsam schleichen sich in den Austausch über Vor- und Nachteile bestimmter antiquarischer Ausgaben persönliche Aspekte ein, die Briefeschreiber kommen sich näher ohne sich wirklich nahe zu sein. Man erfährt einiges aus deren Leben, begleitet die Autorin und auch den Antiquar über viele Jahre und hat ein wenig das Gefühl, mit ihnen am Kamin zu sitzen und ihren Lebensgeschichten zu lauschen.

Wer Bücher liebt und die Leidenschaft für sie gut verstehen kann, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Ich konnte es erst wieder aus der Hand legen, als die letzte Seite gelesen war.

84, Charing Cross Road – Helene Hanff
158 Seiten, btb
ISBN 9783442735396, 7,00 € (ältere Ausgabe)

Cathleen Schine – Die drei Frauen von Westport

Betty ist 75 Jahre alt, als ihr Mann Joseph sie nach fast 50 Jahren Ehe plötzlich verlässt. Für eine andere Frau. Bisher war Betty ein sorgenfreies Leben gewohnt, Geld war immer genügend vorhanden, jetzt muss sie plötzlich aus ihrer Wohnung in New York in ein halb zerfallenes Cottage in Westport ziehen. Doch dort ist sie nicht alleine, ihre Töchter Miranda und Annie haben gerade ebenfalls einige Probleme in ihrem Leben und ziehen kurzerhand mit ihr ins Cottage. Zu dritt sortieren sie dort ihre Leben neu, versuchen alte Pfade zu verlassen und neue Wege zu finden. Dabei lernen sie allerhand illustre Gestalten kennen und werden unverschuldet auch in den ein oder anderen kleinen Skandal verwickelt.

„Die drei Frauen von Westport“ ist trotz aller Tragödien und Dramen ein relativ ruhiges Buch. Vielleicht liegt es an Betty, die jede Situation äußerlich gelassen nimmt und so auch Miranda, die eine kleine Drama-Queen ist, öfter mal die Luft aus den Segeln nimmt. Annie ist die Vernünftige im Bunde und die einzige, die sich über Finanzprobleme und ähnliches Sorgen macht, dabei aber auch mal übersieht, was direkt vor ihrer Nase passiert.

Trotz der Grundruhe wollte ich aber immer weiter lesen, wissen was als nächstes passiert. Mit der Zeit werden die Beziehungen ziemlich verworren, die Handlung ähnelt stellenweise einer Seifenoper. Aber wer von uns sieht oder liest so was nicht ab und an gerne mal? Kitschig oder allzu übertrieben wurde es auch nie, aber man litt und fieberte mit den drei Damen mit. Humoristische und ernsthafte Passagen hielten sich sehr angenehm die Waage.

Als Vorlage für das Buch diente „Sinn & Sinnlichkeit“ von Jane Austen, dass ich leider noch nicht gelesen habe. Auch ohne dieses Vorwissen, kann man sehr viel Spaß mit dem Buch haben. Anfangs war ich etwas skeptisch, da ich doch einige Jahre jünger bin als die Mädels, aber das spielte überhaupt keine Rolle. Denn Emotionen und Beziehungen ändern sich mit dem Alter anscheinend nicht wirklich. Ich hatte zumindest trotz des Altersunterschieds viel Vergnügen bei der Lektüre.

Die drei Frauen von Westport – Cathleen Schine
348 Seiten, Goldmann
ISBN 978-3442312412, 19,99 €
Hardcover

Henrik Lange – Weltliteratur für Eilige

In „Weltliteratur für Eilige – Und am Ende sind sie alle tot“ findet der ungeduldige Leser 90 Klassiker der Weltliteratur, in sehr kurzer Form zusammengefasst. Als Comic in genau vier Bildern pro Werk, kürzer geht es kaum. Nach der Lektüre weiß man zumindest, worum es in all diesen „sollte man eigentlich gelesen haben“ Büchern geht, wer braucht schon mehr um ab und an mal einen mehr oder weniger klugen Kommentar zur Weltliteratur abzugeben?

Einige der hier vorgestellten Werke kannte ich tatsächlich doch schon. Der Kern der Geschichten war meistens sehr gut getroffen, nur ganz selten ging es leicht daneben. Ganz ernst sollte man dieses Buch natürlich auch nicht nehmen, jede Geschichte wird mit einem Augenzwinkern und viel Humor kurz gefasst. Herzlich gelacht habe ich des öfteren. Es macht Spaß und bei einigen Titeln wurde ich neugierig genug, dass ich sie doch mal „im Original“ lesen möchte.

Als lustige Zwischendurchlektüre sehr zu empfehlen, als Vorbereitung auf eine Literaturkundeprüfung würde ich aber doch zu ausführlicheren Werken raten. ;-)

Weltliteratur für Eilige: Und am Ende sind sie alle tot. – Henrik Lange
186 Seiten, Droemer Knaur
ISBN 9783426783313, 7,95 €

Marc Levy – Kinder der Hoffnung

Marc Levy erzählt in „Kinder der Hoffnung“ die wahre Geschichte seines Vaters, der als Jugendlicher in den 40er Jahren in der Résistance kämpfte. Einer französischen Widerstandsgruppe, die zum größten Teil aus Einwanderern bestand und gegen die deutschen Besatzer kämpfte. Diese jungen Männer und Frauen, viel zu oft noch halbe Kinder, waren bereit alles für die Freiheit Frankreichs zu geben. Sie waren sich bewusst, dass sie bei jeder durchgeführten Aktion ihr Leben riskierten, viele verloren es. Bomben wurden gelegt, für jeden zum Tode verurteilten Widerstandskämpfer töteten sie einen deutschen Offizier, sie beschädigten Züge und verhinderten damit Transporte, jagten Fabriken in die Luft. Immer darum bemüht, keine Unbeteiligten zu verletzen. Doch sie wurden verraten, von französischer Miliz verhaftet und gefoltert, zum Teil zum Tode verurteilt und schon wenige Minuten nach dem Urteil hingerichtet. Als die Alliierten immer näher rückten, wurden die noch lebenden Widerstandskämpfer in Zügen unter unmenschlichen Bedingungen nach Dachau deportiert. Nur wenige haben überlebt.

„Kinder der Hoffnung“ ist ein erschütternder Bericht über unglaublich mutige Menschen, die in vollem Bewusstsein über die Tragweite ihres Handelns ihr Leben riskierten. Über deutsche Widerstandsgruppen lernt man in der Schule einiges, doch obwohl ich in der Nähe zu Frankreich aufwuchs, hat uns niemals jemand über die französischen Widerstandsgruppen erzählt. Die genauso bewundernswert waren, wie zum Beispiel die Geschwister Scholl, um die bekanntesten jungen deutschen Widerständler zu nennen. Die französischen Rebellen erhielten viel Rückhalt aus der Bevölkerung, die sich zwar nicht offen gegen die Besatzer zu stellen wagte, aber oft wegsah oder, wo möglich, heimlich halfen, wenn die Mitglieder der Résistance eine ihrer Aktionen durchführten. Aber auch hier gab es Denunzianten, Vertrauen war gefährlich.

Marc Levy hat mit „Kinder der Hoffnung“ bewiesen, dass er sehr viel mehr kann als leichte Unterhaltung zu verfassen. Dieser Bericht über die Erlebnisse seines Vaters geht so sehr unter die Haut, dass ich nach der Lektüre erst mal ein wenig Zeit brauchte, um all das gelesene zu verarbeiten. Kein Buch das unterhält, aber ein Buch das einem die Augen für Teile der Geschichte öffnet, die einem sonst vielleicht verborgen geblieben wären. Obwohl sie es mehr als verdient haben, dass man ihrer gedenkt. Sowie allen Menschen, die egal wo und wie, ihr Leben im Widerstand gegen die Nazis gewagt haben und oft auch verloren.

Kinder der Hoffnung – Marc Levy
363 Seiten, Droemer Knaur
ISBN 978-3426500200, 8,95 €

Olivier Adam – Keine Sorge, mir geht’s gut

Lilis Bruder verschwindet von einem auf den anderen Tag. Das einzige Lebenszeichen sind Postkarten, die er immer mal von den unterschiedlichsten Orten schickt. Eines Tages macht sich Lili auf, um ihren Bruder zu suchen. Die beiden waren sich sehr nahe, sein Verlust hat sie damals komplett aus der Bahn geworfen. Bis heute vermisst sie ihn sehr und hofft, ihn eines Tages wieder zu sehen.

„Keine Sorge, mir geht’s gut“ hat einen für mich sehr ungewohnten Schreibstil. Nicht nur die Sätze, auch die Kapitel sind oft sehr kurz. Im Gegensatz dazu gibt es ab und an eine halbe Seite lang Aufzählungen, die nicht wirklich zur Handlung beitragen. Damit hätte ich mich noch anfreunden können, aber leider hat die Auflösung des Rätsels, dass die ganze Handlung bestimmt, mich ziemlich unschlüssig zurück gelassen. Ich bin niemand, der abgeschlossene Handlungen braucht und kann mit zurückbleibenden Fragen ganz gut leben. Aber hier bleibt die allerwichtigste Frage ungelöst, man bekommt einen kleinen Brocken hingeworfen, mit dem man nicht wirklich etwas anfangen kann. Dann wäre es mir lieber gewesen, auch diesen Teil gar nicht zu erfahren. So blieb einfach nur ein großes Fragezeichen zurück. Und die Frage, warum ich jetzt überhaupt die Zeit investiert habe, dieses Buch zu lesen.

Leider nicht wirklich mein Buch, auch wenn es hoch gelobt und auch erfolgreich verfilmt wurde. Vielleicht wirklich einer der Fälle, in denen der Film besser als das Buch ist, wie es in verschiedenen Rezensionen heißt.

Keine Sorge, mir geht’s gut – Olivier Adam
187 Seiten, Piper
ISBN 9783492252430, 7,95 €

Michel Birbaek – Die Beste zum Schluss

Nachdem Mads mal wieder aufs übelste von der Liebe enttäuscht wurde, beschließt er, sich nicht mehr zu verlieben. Denn „eigentlich gibt es nur ein Problem: Partnerwahl durch Verliebtheit. […] es gibt wirklich Intelligenteres, als bei der Partnerwahl den gesunden Menschenverstand auszuschalten“. Also zieht er mit seiner besten Freundin und deren Kindern zusammen und bildet mit ihnen eine Patchworkfamilie, auf rein platonischer Ebene. Mit diesem Leben fühlt er sich auch sehr wohl, bis er eines Tages eine Frau trifft, die dieses Konzept in Frage stellt. Vielleicht ist sie die Eine? Die, für die es sich lohnt das Wagnis einer Beziehung und eventuellen Herzschmerzes einzugehen? Muss er sich jetzt entscheiden zwischen Freundschaft und Liebe? Gerade jetzt, wo ihn seine Freundin so sehr braucht, wie nie zuvor.

Birbaek in Bestform. Die Geschichte fängt locker leicht an, bis plötzlich der Ernst des Lebens auftaucht. Ernst ist ein Arsch. Aber er gehört nun mal dazu. Deshalb mag ich Birbaeks Bücher so gerne. Er malt keine rosarote Bonbonwelt, aber auch keine düsterschwarze Depriwelt. In seinen Büchern findet sich das Leben einfach so, wie es ist, mit Höhen und Tiefen. Immer wieder schafft er es starke Emotionen in Bilder zu fassen, ohne dabei jemals kitschig zu werden. Er scheut sich nicht, auch traurige Themen anzufassen, lockert sie mit Witz und spritziger Sprache auf, ohne sie lächerlich zu machen. Seine Bücher lese ich wirklich mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Den Epilog dieses Buches werde ich so schnell nicht vergessen, das war gemein Herr Birbaek! Aber auch ein wunderschönes Ende für ein wunderbares Buch. Ich bin froh, dass statt seitenlanger Danksagungen schon der neue Roman in Arbeit ist und kann es kaum erwarten, wieder eine neue Portion Birbaek zu bekommen.

Die Beste zum Schluss – Michel Birbaek
349 Seiten, Bastei Lübbe
ISBN 9783785723975, 16,99 €
Hardcover

Jonathan Tropper – Sieben verdammt lange Tage

Die Foxmans halten es selten lange miteinander aus. Familientreffen enden traditionell damit, dass jemand fluchtartig das Haus verlässt. Als ihr Vater stirbt, äußert er einen letzten Wunsch. Seine Familie soll für ihn Schiwa sitzen. Sieben Tage lang gemeinsam Totenwache halten, in einem Raum, ohne sich aus dem Weg gehen zu können. Für die vier Geschwister ein Alptraum. Aber sie erfüllen ihrem Vater diesen letzten Wunsch. Sieben Tage Zeit, sich mit dem zu beschäftigen, was seit Jahren in ihnen brodelte und nie ausgesprochen wurde. Aber auch sieben Tage, um sich nach Jahren wieder näher zu kommen. Sieben Tage, die verdammt lang werden können.

„Sieben verdammt lange Tage“ ist sehr locker und lässig geschrieben, teilweise geht die Sprache schon etwas unter die Gürtellinie, empfindlich sollte man in der Richtung nicht sein. Dann kann man sehr viel Spaß mit dem Buch haben. Die Foxmans bieten so einiges an Irrungen und Wirrungen, die in den sieben Tagen ans Licht kommen. Es wird ordentlich aufgeräumt mit alten und neuen Beziehungen, untereinander und auch familienexternen. Neben all dem Witz bringt das Buch so auch allerhand Stoff zum Nachdenken mit. Es handelt vom fremdgehen, vom verlassen werden, sich verlassen fühlen, Liebe ohne Hoffnung, Liebe ohne Zukunft, Liebe auf ungewöhnlichen Pfaden.

Jonathan Tropper hat eine gelungene Mischung aus Humor und Tragik geschaffen. Was die verschiedenen Charaktere zu erleiden haben, ist manchmal schon sehr tragisch. Manch einem mag das übertrieben erscheinen, aber das Leben ist leider oft genug wirklich so gemein, dass alles auf einmal kommt und es meist die falschen ganz besonders übel trifft. So konnte ich mich manchmal kaum zwischen Mitleid und laut loslachen entscheiden.

Eine lockere Lektüre, bei der man sich herrlich amüsieren kann, die aber den Tiefgang nicht vergessen hat. Das Buch hätte gerne noch ein paar Seiten mehr haben können.


Sieben verdammt lange Tage – Jonathan Tropper
448 Seiten, Knaur
ISBN 9783426662731, 16,95 €
Hardcover

Gina Mayer – Das Lied meiner Schwester

Anna und Orlanda sind Schwestern, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Anna ist bodenständig, ordentlich und tugendhaft, während die jüngere Orlanda flatterhaft das Leben genießt, statt es wirklich ernst zu nehmen. Beide eint die Liebe zur Musik, doch während Anna ihrem Vater zu Liebe Orgel spielen lernte, singt Orlanda erst in der Operette, bevor sie später ihre Liebe zum Jazz entdeckt. Gemeinsam erleben die Schwestern das Entstehen und Erstarken des Nationalsozialismus, der auch ihr eigenes Leben immer stärker einschränkt. Nicht nur, weil Jazz und Swing schon bald als entartete Musik verboten werden. Viele ihrer Musikerfreunde sind Juden, so erleben Anna und Orlanda die Folgen der Naziherrschaft direkt mit. Beide beschließen, dass etwas dagegen unternommen werden muss. Jede von ihnen auf ihre eigene Art und Weise.

Die Handlung der Geschichte wird immer wieder von Briefen einer Mutter an ihr noch ungeborenes Kind unterbrochen. Schnell erklärt sich, wer die Mutter ist, nach und nach erfährt man auch, warum sie im Gefängnis sitzt und nur diese Briefe als Möglichkeit hat, sich ihrem Kind mitzuteilen. Die Briefe, und auch die Durchsetzung der Handlung mit kurzen Ausblicken in die Zukunft der gerade handelnden Personen, die selten rosig ist, haben mir am Stil des Romans besonders gut gefallen. Sie machen das Buch zu etwas Besonderem.

„Das Lied meiner Schwester“ hat mich sehr beeindruckt und auch betroffen gemacht. Ohne es wirklich zu wissen, kann ich mir gut vorstellen, dass der Alltag in der damaligen Zeit so aussah. Da die beiden Hauptcharaktere Frauen sind erscheint der Krieg mit seinen Schrecken zwar auch, aber nur in Form von Briefen oder Besuchen ihrer Männer von der Front. Die Haupthandlung beschäftigt sich mit den Problemen der Frauen zu dieser Zeit und den Gefahren des Widerstandes.

Ein wirklich großartiges Buch, ich überlege schon, wen ich damit alles zu Weihnachten bescheren kann. Denn es verdient viele Leser. Zum einen wegen seiner Handlung in einer Zeit, die wir nicht vollständig vergessen sollten, zum anderen wegen seines wirklich sehr schönen Stils, der die Seiten viel zu schnell vergehen ließ.

Das Lied meiner Schwester – Gina Mayer
448 Seiten, Rütten & Loening
ISBN 9783352007866, 19,95 €

Isabel Ashdown – Am Ende eines Sommers

Mary und Rachel sind Schwestern und genießen ihre Jugend in den sechziger Jahren. Doch dann begeht Mary einen folgenschweren Fehler, sie wird von ihrer Familie verstoßen. Selbst die geliebte Schwester verweigert für viele Jahre jeglichen Kontakt.

Jake hat es nicht leicht. Seine Eltern haben sich getrennt, seine Mutter Mary versinkt immer wieder in depressiven Phasen, sein älterer Bruder hat sich aus dem Staub gemacht, weil er es nicht mehr ertragen konnte. So ist Jake, mit gerade mal dreizehn Jahren, gezwungen für seinen jüngeren Bruder und zeitweise auch seine Mutter zu sorgen. Doch er gibt nicht auf, arbeitet für seinen großen Traum, eine Musikanlage, und macht das Beste aus seiner Situation.

Eines Tages taucht Rachel wieder in ihrer aller Leben auf. Mary ist überglücklich, ihre Schwester wieder an ihrer Seite zu haben. Doch mit ihr kehrt auch die Vergangenheit in ihr Leben zurück, und damit auch das ein oder andere bisher noch gut gehütete Geheimnis.

In „Am Ende eines Sommers“ wechseln sich zwei Erzählstränge ab. Aus Jakes Sicht wird über die Gegenwart berichtet, Mary beginnt ihre Geschichte in der Jugend und füllt nach und nach die Jahre bis zu Jakes Erzählung. Die beiden Handlungsfäden verflechten sich immer mehr, nach und nach enthüllt sich die ganze Geschichte, bis sie sich treffen und es zum unvermeidlichen Ende kommt.

Das Buch hat mich so sehr mitgenommen, dass ich es zwischendurch kurz zur Seite legen musste. Isabel Ashdown erzählt so bewegend über Jakes und auch Marys Schicksal, dass es einen nicht kalt lassen kann. Eine traurige, aber auch wunderschöne Geschichte, die mich sehr berührt hat. Als ich gerade noch einmal den Prolog las, bekam ich eine Gänsehaut. Keine leichte Lektüre für nebenbei, aber eine sehr empfehlenswerte für alle die wissen, dass das Leben eben oft nicht rosarot ist. „Am Ende eines Sommers“ erzählt davon, wie wichtig es ist trotzdem nicht aufzugeben.

Am Ende eines Sommers – Isabel Ashdown
350 Seiten, Eichborn
ISBN 9783821861203, 19,95 €