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Marie-Sabine Roger – Das Labyrinth der Wörter

Germain schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben und wohnt in einem Wohnwagen, der im Garten seiner Mutter steht. Ohne Schulabschluss hat er auch wenig Alternativen, lesen kann er nur mühsam. Wenn er nicht gerade bei seinen Freunden in der Kneipe ist, verbringt er seine Freizeit oft im Park. Dort kennt er jede Taube, hat ihnen allen Namen gegeben und sie immer und immer wieder gezählt. Eines Tages lernt er auf der Parkbank Margueritte kennen, eine alte Dame, die ebenfalls gerne die Tauben besucht. Sie freunden sich an und mit der Zeit weckt Margueritte in Germain die Lust zum Nachdenken. Margueritte liest ihm die spannenden Teile aus Büchern vor, so macht Germain selbst „Die Pest“ von Albert Camus Spaß und nach und nach entdeckt er die Literatur für sich. Denn „wenn man unkultiviert ist, heißt das nicht, dass man nicht kultivierbar ist. Man muss nur an einen guten Gärtner geraten“ (Seite 125). Margueritte versteht es, die zarte Pflanze der Neugier bei Germain zu hegen und wachsen zu lassen. Vorsichtig führt sie ihn durch das Labyrinth der Wörter, bis er seinen Weg selbst findet.

„Das Labyrinth der Wörter“ ist ein zauberhaftes Buch. Schon nach wenigen Seiten hatte ich Germain ebenso ins Herz geschlossen wie Margueritte. Er wirkt ungehobelt, ist ein großer und breiter Kerl, er weiß kaum, wie man sich anständig benimmt. Doch Margueritte hat hinter der harten Schale den weichen Kern entdeckt. Germain hatte es nicht leicht im Leben, er hat einfach nicht gelernt, wie Menschen miteinander umgehen können und wie viel Spaß es machen kann, die Welt durch Bücher kennen zu lernen. Doch dafür ist es nie zu spät.

Ein Buch, das einem zeigt, dass man nicht voreilig über andere urteilen sollte. Es ist gut möglich, dass man überrascht wird. Nach diesem Buch wünscht man jedem Germain seine Margueritte und seine Annette. Die eine lehrt ihn Denken, die andere Lieben.

Ich habe das Buch am Stück gelesen, ich konnte es nicht nur nicht mehr aus der Hand legen, ich konnte nicht mal mehr zu Ende denken, was ich eigentlich noch tun wollte, schon steckte ich wieder in der Geschichte und folgte Germain und Margueritte gebannt auf ihrem Weg.

„Das Labyrinth der Wörter“ ist ein wunderschöner Roman, ohne jeden Kitsch aber mit soviel Gefühl, dass einem beim Lesen ganz warm wird. Das perfekte Buch für einen gemütlichen Winterabend.

Das Labyrinth der Wörter – Marie-Sabine Roger
205 Seiten, Hoffmann und Campe
ISBN 9783402544, 18,00 €
Hardcover

Tom Rachman – Die Unperfekten

Ruby Zaga redigiert seit 20 Jahren die Texte anderer. Jeden Tag kommt sie extra früh auf die Arbeit, um noch eine Weile ihre Ruhe zu haben. Bevor die Kollegen kommen, die sie nie wirklich in ihre Reihen aufgenommen haben. Nach der Arbeit geht sie zurück, in ein einsames Zuhause.

Herman Cohen ist Chef-Korrektor, jeder fürchtet seinen Rotstift und seine Schikanen. Dass er außerhalb der Redaktion ein ganz anderer, Mensch ist, einfühlsam und immer für seine Freunde zur Stelle, kann sich niemand in der Zeitung vorstellen.

Abbey Pinnola ist Finanzchefin, alle nennen sie nur Miss Buchhaltung. Dabei versucht sie doch alles, dem Konzern immer wieder die notwendigen Gelder aus den Rippen zu leiern und Kündigungen zu verhindern, zu würdigen weiß das niemand.

Gemeinsam haben sie, und noch viele andere, dass sie Angestellte einer internationalen Tageszeitung sind, die vor 50 Jahren gegründet wurde aber jetzt unter der Leitung des uninteressierten Erben langsam den Bach herunter geht. Sie alle sind Teile dieser Zeitung, die Zahnräder, die das ganze am laufen halten. Den Rahmen für ihre Geschichten bildet die Geschichte der Zeitung, ihre Entstehung, ihr Wachsen und ihr Werden.

Der Inhalt hat mich eigentlich erstmal gar nicht so gelockt. Dann las ich die begeisterte Rezension aus der New York Times, wurde neugierig, ging trotzdem leicht skeptisch an das Buch heran und wurde von der ersten Seite an überzeugt. Meine Befürchtung, dass der Text schwer zugänglich sein könnte, erwies sich als unbegründet. Das Buch liest sich ganz locker weg, jeder beschriebene Charakter fesselt einen wieder aufs Neue. Ab und  an liest man die gleiche Begebenheit aus zwei Blickwinkeln, lernt die beschriebenen Menschen von innen und außen kennen. Unperfekt sind sie alle. Tom Rachmann ist selbst Journalist und weiß, wovon er schreibt. Das merkt man dem lebendig geschilderten Redaktionsalltag auch an.

Wer mal einen Blick durch das Schlüsselloch einer Redaktion werfen möchte, oder einfach nur viele interessante Menschen und ihre Geschichten kennen lernen will, sollte einen Blick in „Die Unperfekten“ wagen. Vielleicht wird er ja genauso positiv überrascht wie ich.

Die Unperfekten – Tom Rachman
394 Seiten, dtv premium
ISBN 9783423248211, 14,90 €

Martina Borger – Lieber Luca

Es gibt Tage, da trifft so viel zusammen, dass man nicht mehr an Zufall glaubt. Als Simone an einem solchen Tag gleich mehrmals an Luca erinnert wird, hört sie auf, die Erinnerungen zu verdrängen. Sie beginnt Briefe an Luca zu schreiben und die Vergangenheit damit zu verarbeiten. Sie erzählt ihm darin wie sie momentan lebt, aber auch wie sie die Jahre „vor der Eiszeit“ erlebt hat. Abschicken will sie diese Briefe allerdings nicht, sorgsam verwahrt sie alle in einer roten Keksdose.

„Lieber Luca“ ist ein wunderbares Buch über zwischenmenschliche Beziehungen. Wie oft reichen kleine Missverständnisse aus, Beziehungen zu zerstören. Wie oft verhindert Sturheit auf beiden Seiten eine Klärung und erneute Annäherung. Einer muss den ersten Schritt tun, auf dem Weg dahin begleitet der Leser die Briefschreiberin. Wer Luca ist und was zwischen ihnen geschah, erfährt man erst Stück für Stück im Laufe des Buches.

Auf das Buch stieß ich nur durch Zufall. Ein glücklicher Zufall, es wird nicht mein letzter Roman dieser Autorin gewesen sein. Man könnte meinen, ein Buch, das nur aus Briefen besteht, würde vielleicht langweilig werden. Aber weit gefehlt, hier versammeln sich die Briefe zu einem wunderbaren Buch, das nur einen Fehler hat, es ist viel zu schnell gelesen.

Lieber Luca – Martina Borger
206 Seiten, Diogenes
ISBN 9783257239171, 8,90 €

Peter Hedges – Zeit der Versuchung

Kate und Tim leben mit ihren Kindern zufrieden in einer kleinen Wohnung in den Brooklyn Heights, einer Gegend für die feinere Gesellschaft. Bis die Versuchung in ihr Leben tritt. Für Tim ist das Anna, eine neue Nachbarin. Die Spieletreffen ihrer Kinder werden für Tim bald etwas zu wichtig. Für Kate ist es Jeff, vor Jahren war sie mit ihm liiert. Heute ist er ein bekannter Schauspieler und umwirbt sie. Wird einer der beiden der Versuchung nachgeben und damit ihr Glück riskieren?

Das rosarote Cover mit golden hinterlegtem Titel weckte in mir spontan die Assoziation eines Kitschromans, vor allem in Kombination mit dem Titel „Zeit der Versuchung“. Kitsch kann man in diesem Buch jedoch lange suchen. Es gibt allerhand Emotionen zu entdecken, aber immer auf realistischem Niveau. Dass ich mit den Protagonisten nicht ganz warm wurde lag nicht am Buch, sondern daran, dass deren Welt mit Glamour und Reichtum mir so fern ist. Tim war mir da noch am sympathischsten, blieb er doch immer er selbst. Ich hätte zwar nicht an seiner Seite sein wollen, als er in bequemer Alltagskleidung auf einem großen Empfang auftaucht, aber bewundernswert war seine Haltung allemal. Er ließ sich nicht verbiegen.

Obwohl mir die Figuren so fern waren, habe ich nicht einen Moment darüber nachgedacht, das Buch abzubrechen. Das war dem angenehmen Schreibstil geschuldet. Auch der Wechsel der Erzähler hat die Handlung abwechslungsreich gestaltet, man liest die Geschichte mal aus Kates, mal aus Tims Sicht, aber auch andere Charaktere kommen zwischen durch zu Wort. Unter anderem eine heimliche Verehrerin, die mich immer wieder zum schmunzeln brachte. Jeder Erzähler versetzt den Leser mühelos in seine Welt, die sich deutlich von der der anderen unterscheidet, hat seine ganz eigene Stimme.

„Zeit der Versuchung“ ist ein Beziehungsroman mit Niveau, der auch den Humor nicht vergessen hat. Vom bonbonrosa Cover und dem Titel sollte man sich nicht abschrecken lassen, es steckt mehr hinter der Fassade, als der erste Blick erahnen lässt.

Zeit der Versuchung – Peter Hedges
384 Seiten, Goldmann
ISBN 9783442312429, 17,99 €

Michael Kleeberg – Das amerikanische Hospital

Hélène und David lernen sich im amerikanischen Hospital in Paris kennen. Sie ist dort, um mit Hilfe der Medizin endlich ihren Kinderwunsch erfüllen zu können. Er wird wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung behandelt, an der der Soldat nach seiner Teilnahme am Irakkrieg leidet. Ihre erste Begegnung verläuft weniger schön, er bricht vor ihren Augen zusammen. Doch bald treffen sie sich zufällig wieder, geraten ins Gespräch und beginnen eine Freundschaft, die sich mit der Zeit immer mehr vertieft. Beide haben ihr emotionales Päckchen zu tragen, sich dem anderen anvertrauen zu können hilft beiden.

„Das amerikanische Hospital“ hat mich positiv überrascht. Der Roman steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2010, was für mich gleichbedeutend mit „großer Literatur“ ist und die Vorstellung „schwer lesbar“ auslöste. Ich konnte sehr schnell feststellen, dass ich damit falsch lag. Michael Kleeberg schreibt sehr eindringlich und fesselnd, er fängt die Atmosphäre der Szenen wunderbar in Worten ein. Gleichzeitig spürt man, dass er weiß, wovon er schreibt. Anfang der 90er Jahre, die Zeit, in der auch dieser Roman spielt, war Kleeberg für vier Wochen in Beirut und lernte das Land und seine Kultur kennen. Dieses Wissen wird ihm hier zu Gute gekommen sein. Aber auch die Probleme Hélènes beschreibt er sehr realistisch.

Die Gespräche zwischen Hélène und David drehen sich oft um den Krieg, dessen Sinn oder Unsinnigkeit. David ist als amerikanischer Soldat überzeugt von dem, was das amerikanische Regime predigt. Zumindest zu Beginn ihrer Unterhaltungen. Hélènes Vater kam seelisch gebrochen aus einem Krieg zurück, sie verabscheut jedwede Kriegshandlung und verurteilt den Irakkrieg. Davids Berichte von seinen Einsätzen sind verstörend, nicht nur weil man als Leser weiß, dass genau das Tag für Tag irgendwo geschieht. Immer wieder.

„Das amerikanische Hospital“ hat mich sehr beeindruckt und mir mal wieder bewiesen, dass einen Bücher überraschen können. Auch ausgezeichnete Literatur kann unterhalten und muss nicht schwer lesbar sein. Wenn dieses Buch schwer verdaulich ist, dann wegen seiner traurigen Thematik, vor der man aber nicht die Augen verschließen sollte. Kleeberg erleichtert einem die Lektüre, in dem er schaurige Kriegsszenen mit angenehmen Alltagsszenen abwechseln lässt.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, das ich nicht mal zum Kochen aus der Hand legen wollte, was nicht viele Bücher schaffen. Es lohnt sich, ab und an mal über seinen Schatten zu springen und etwas Neues auszuprobieren.

Das amerikanische Hospital – Michael Kleeberg
233 Seiten, DVA
ISBN 9783421043900, 19,99 €
Hardcover

Helene Hanff – 84, Charing Cross Road

Ein Briefwechsel, der tatsächlich so stattfand. Eine amerikanische Autorin mit einer Vorliebe für schöne Bücher und ein englischer Antiquar begleiten sich über 20 Jahre auf ihrem Lebensweg, ohne sich je persönlich getroffen zu haben. Alles begann mit einer geschäftlichen Bestellung, mit der Zeit wurden die Briefe immer persönlicher. Zwei Menschen, die die Liebe zu schönen Büchern eint, tauschten sich über Jahre hinweg nicht nur über Literatur, sondern auch über allgemeine, politische und persönliche Ereignisse aus.

„84, Charing Cross Road“ wurde mir schon so oft empfohlen, jetzt weiß ich warum. Es ist ein Buch, bei dem einem warm ums Herz wird. Kaum zu glauben, dass aus einer Bestellung so viel mehr werden kann. Ganz langsam schleichen sich in den Austausch über Vor- und Nachteile bestimmter antiquarischer Ausgaben persönliche Aspekte ein, die Briefeschreiber kommen sich näher ohne sich wirklich nahe zu sein. Man erfährt einiges aus deren Leben, begleitet die Autorin und auch den Antiquar über viele Jahre und hat ein wenig das Gefühl, mit ihnen am Kamin zu sitzen und ihren Lebensgeschichten zu lauschen.

Wer Bücher liebt und die Leidenschaft für sie gut verstehen kann, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Ich konnte es erst wieder aus der Hand legen, als die letzte Seite gelesen war.

84, Charing Cross Road – Helene Hanff
158 Seiten, btb
ISBN 9783442735396, 7,00 € (ältere Ausgabe)

Cathleen Schine – Die drei Frauen von Westport

Betty ist 75 Jahre alt, als ihr Mann Joseph sie nach fast 50 Jahren Ehe plötzlich verlässt. Für eine andere Frau. Bisher war Betty ein sorgenfreies Leben gewohnt, Geld war immer genügend vorhanden, jetzt muss sie plötzlich aus ihrer Wohnung in New York in ein halb zerfallenes Cottage in Westport ziehen. Doch dort ist sie nicht alleine, ihre Töchter Miranda und Annie haben gerade ebenfalls einige Probleme in ihrem Leben und ziehen kurzerhand mit ihr ins Cottage. Zu dritt sortieren sie dort ihre Leben neu, versuchen alte Pfade zu verlassen und neue Wege zu finden. Dabei lernen sie allerhand illustre Gestalten kennen und werden unverschuldet auch in den ein oder anderen kleinen Skandal verwickelt.

„Die drei Frauen von Westport“ ist trotz aller Tragödien und Dramen ein relativ ruhiges Buch. Vielleicht liegt es an Betty, die jede Situation äußerlich gelassen nimmt und so auch Miranda, die eine kleine Drama-Queen ist, öfter mal die Luft aus den Segeln nimmt. Annie ist die Vernünftige im Bunde und die einzige, die sich über Finanzprobleme und ähnliches Sorgen macht, dabei aber auch mal übersieht, was direkt vor ihrer Nase passiert.

Trotz der Grundruhe wollte ich aber immer weiter lesen, wissen was als nächstes passiert. Mit der Zeit werden die Beziehungen ziemlich verworren, die Handlung ähnelt stellenweise einer Seifenoper. Aber wer von uns sieht oder liest so was nicht ab und an gerne mal? Kitschig oder allzu übertrieben wurde es auch nie, aber man litt und fieberte mit den drei Damen mit. Humoristische und ernsthafte Passagen hielten sich sehr angenehm die Waage.

Als Vorlage für das Buch diente „Sinn & Sinnlichkeit“ von Jane Austen, dass ich leider noch nicht gelesen habe. Auch ohne dieses Vorwissen, kann man sehr viel Spaß mit dem Buch haben. Anfangs war ich etwas skeptisch, da ich doch einige Jahre jünger bin als die Mädels, aber das spielte überhaupt keine Rolle. Denn Emotionen und Beziehungen ändern sich mit dem Alter anscheinend nicht wirklich. Ich hatte zumindest trotz des Altersunterschieds viel Vergnügen bei der Lektüre.

Die drei Frauen von Westport – Cathleen Schine
348 Seiten, Goldmann
ISBN 978-3442312412, 19,99 €
Hardcover

Henrik Lange – Weltliteratur für Eilige

In „Weltliteratur für Eilige – Und am Ende sind sie alle tot“ findet der ungeduldige Leser 90 Klassiker der Weltliteratur, in sehr kurzer Form zusammengefasst. Als Comic in genau vier Bildern pro Werk, kürzer geht es kaum. Nach der Lektüre weiß man zumindest, worum es in all diesen „sollte man eigentlich gelesen haben“ Büchern geht, wer braucht schon mehr um ab und an mal einen mehr oder weniger klugen Kommentar zur Weltliteratur abzugeben?

Einige der hier vorgestellten Werke kannte ich tatsächlich doch schon. Der Kern der Geschichten war meistens sehr gut getroffen, nur ganz selten ging es leicht daneben. Ganz ernst sollte man dieses Buch natürlich auch nicht nehmen, jede Geschichte wird mit einem Augenzwinkern und viel Humor kurz gefasst. Herzlich gelacht habe ich des öfteren. Es macht Spaß und bei einigen Titeln wurde ich neugierig genug, dass ich sie doch mal „im Original“ lesen möchte.

Als lustige Zwischendurchlektüre sehr zu empfehlen, als Vorbereitung auf eine Literaturkundeprüfung würde ich aber doch zu ausführlicheren Werken raten. ;-)

Weltliteratur für Eilige: Und am Ende sind sie alle tot. – Henrik Lange
186 Seiten, Droemer Knaur
ISBN 9783426783313, 7,95 €

Marc Levy – Kinder der Hoffnung

Marc Levy erzählt in „Kinder der Hoffnung“ die wahre Geschichte seines Vaters, der als Jugendlicher in den 40er Jahren in der Résistance kämpfte. Einer französischen Widerstandsgruppe, die zum größten Teil aus Einwanderern bestand und gegen die deutschen Besatzer kämpfte. Diese jungen Männer und Frauen, viel zu oft noch halbe Kinder, waren bereit alles für die Freiheit Frankreichs zu geben. Sie waren sich bewusst, dass sie bei jeder durchgeführten Aktion ihr Leben riskierten, viele verloren es. Bomben wurden gelegt, für jeden zum Tode verurteilten Widerstandskämpfer töteten sie einen deutschen Offizier, sie beschädigten Züge und verhinderten damit Transporte, jagten Fabriken in die Luft. Immer darum bemüht, keine Unbeteiligten zu verletzen. Doch sie wurden verraten, von französischer Miliz verhaftet und gefoltert, zum Teil zum Tode verurteilt und schon wenige Minuten nach dem Urteil hingerichtet. Als die Alliierten immer näher rückten, wurden die noch lebenden Widerstandskämpfer in Zügen unter unmenschlichen Bedingungen nach Dachau deportiert. Nur wenige haben überlebt.

„Kinder der Hoffnung“ ist ein erschütternder Bericht über unglaublich mutige Menschen, die in vollem Bewusstsein über die Tragweite ihres Handelns ihr Leben riskierten. Über deutsche Widerstandsgruppen lernt man in der Schule einiges, doch obwohl ich in der Nähe zu Frankreich aufwuchs, hat uns niemals jemand über die französischen Widerstandsgruppen erzählt. Die genauso bewundernswert waren, wie zum Beispiel die Geschwister Scholl, um die bekanntesten jungen deutschen Widerständler zu nennen. Die französischen Rebellen erhielten viel Rückhalt aus der Bevölkerung, die sich zwar nicht offen gegen die Besatzer zu stellen wagte, aber oft wegsah oder, wo möglich, heimlich halfen, wenn die Mitglieder der Résistance eine ihrer Aktionen durchführten. Aber auch hier gab es Denunzianten, Vertrauen war gefährlich.

Marc Levy hat mit „Kinder der Hoffnung“ bewiesen, dass er sehr viel mehr kann als leichte Unterhaltung zu verfassen. Dieser Bericht über die Erlebnisse seines Vaters geht so sehr unter die Haut, dass ich nach der Lektüre erst mal ein wenig Zeit brauchte, um all das gelesene zu verarbeiten. Kein Buch das unterhält, aber ein Buch das einem die Augen für Teile der Geschichte öffnet, die einem sonst vielleicht verborgen geblieben wären. Obwohl sie es mehr als verdient haben, dass man ihrer gedenkt. Sowie allen Menschen, die egal wo und wie, ihr Leben im Widerstand gegen die Nazis gewagt haben und oft auch verloren.

Kinder der Hoffnung – Marc Levy
363 Seiten, Droemer Knaur
ISBN 978-3426500200, 8,95 €

Olivier Adam – Keine Sorge, mir geht’s gut

Lilis Bruder verschwindet von einem auf den anderen Tag. Das einzige Lebenszeichen sind Postkarten, die er immer mal von den unterschiedlichsten Orten schickt. Eines Tages macht sich Lili auf, um ihren Bruder zu suchen. Die beiden waren sich sehr nahe, sein Verlust hat sie damals komplett aus der Bahn geworfen. Bis heute vermisst sie ihn sehr und hofft, ihn eines Tages wieder zu sehen.

„Keine Sorge, mir geht’s gut“ hat einen für mich sehr ungewohnten Schreibstil. Nicht nur die Sätze, auch die Kapitel sind oft sehr kurz. Im Gegensatz dazu gibt es ab und an eine halbe Seite lang Aufzählungen, die nicht wirklich zur Handlung beitragen. Damit hätte ich mich noch anfreunden können, aber leider hat die Auflösung des Rätsels, dass die ganze Handlung bestimmt, mich ziemlich unschlüssig zurück gelassen. Ich bin niemand, der abgeschlossene Handlungen braucht und kann mit zurückbleibenden Fragen ganz gut leben. Aber hier bleibt die allerwichtigste Frage ungelöst, man bekommt einen kleinen Brocken hingeworfen, mit dem man nicht wirklich etwas anfangen kann. Dann wäre es mir lieber gewesen, auch diesen Teil gar nicht zu erfahren. So blieb einfach nur ein großes Fragezeichen zurück. Und die Frage, warum ich jetzt überhaupt die Zeit investiert habe, dieses Buch zu lesen.

Leider nicht wirklich mein Buch, auch wenn es hoch gelobt und auch erfolgreich verfilmt wurde. Vielleicht wirklich einer der Fälle, in denen der Film besser als das Buch ist, wie es in verschiedenen Rezensionen heißt.

Keine Sorge, mir geht’s gut – Olivier Adam
187 Seiten, Piper
ISBN 9783492252430, 7,95 €