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Natasa Dragnic – Jeden Tag, jede Stunde

Im kroatischen Fischerort Makarska lernen sich Dora und Luka schon im Kindergarten kennen. Fortan kann sie nichts mehr trennen, fast nichts. Als Doras Eltern beschließen nach Paris zu ziehen, sind beide untröstlich. Durch einen Zufall treffen die beiden sich 16 Jahre später in Paris wieder und wissen sofort, dass sie füreinander bestimmt sind. Jetzt soll wirklich nichts sie mehr trennen können. Doch wieder hat das Schicksal andere Pläne und die beiden haben einen langen Weg vor sich.

„Jeden Tag, jede Stunde“ ist eine wunderschöne Liebesgeschichte. Tragisch, aber nicht kitschig. In einer wunderschönen Sprache aufs Papier gebracht. Oft melancholisch, die beiden haben es aber auch wirklich nicht leicht. Die ab und an vorkommenden Textwiederholungen haben nicht gestört, sondern sehr passend die Verbundenheit zwischen den beiden gezeigt. Auch wenn sie viele Kilometer trennen, so denken und fühlen sie doch oft dasselbe.

Zwei die sich suchen und nicht finden klingt nach Standardgeschichte, alles schon zigmal da gewesen. Natasa Dragnic schafft es aber, den Leser so sehr mit einzubeziehen, dass er mit den beiden leidet wie ein Hund, ohne dabei je pathetisch zu werden. Große Gefühle auf dem schmalen Grat zum Kitsch, viele Autoren setzen hier mal einen Schritt daneben, nicht so Natasa Dragnic. Manchmal ist das Leben einfach unberechenbar wie das Meer. Es wirft einen mal hier hin, mal dort hin, man kann nur wenig gegen seine Kräfte ausrichten.

Ein wunderbares Buch, das hoffentlich in diesem Jahr viele Menschen in den Urlaub begleiten darf. Wer die Möglichkeit hat, sollte es am Meer lesen, das für Dora und Luka immer wieder eine wichtige Rolle spielt.

Jeden Tag, jede Stunde – Natasa Dragnic
278 Seiten, DVA
ISBN 9783421045164, 19,99 €
Hardcover

Stephen Kelman – Pigeon English

Harri Opoku ist erst vor kurzem mit seiner Mutter und seiner Schwester aus Ghana nach London gekommen. Hier leben sie in einer Sozialwohnung, die Sitten auf der Straße und in der Schule sind hart. Harri liebt die Tauben, träumt davon sich durch das gesamte Harribo-Sortiment durch zu naschen und ist der schnellste Läufer seines Jahrgangs. Vor der Realität kann er aber nicht lange davon laufen. Als auf der Straße ein Junge erstochen wird, beginnt er zu ermitteln. Wer den Mund hält, wer mitmacht ohne zu fragen, der gehört dazu. Doch will Harri dazu gehören? Er ist anders. Doch anders sein ist in dieser Welt gefährlich.

Stephen Kelman bringt dem Leser in „Pigeon English“ die Welt der Straßengangs etwas näher. Anfangs hatte ich ein wenig Probleme mit dem Schreibstil, da ich „Alder, ichschwör ey…“ schon in öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer ertrage. Da die Geschichte aus der Sicht und daher auch in der Sprache Harris erzählt wird, kommt „Ichschwör!“ ziemlich oft vor. Nachdem ich meine Abneigung gegen diese Redewendung überwunden hatte, passte es auch sehr gut. Durch die Sprache wird einem die ganze Art der Jugendlichen näher gebracht.

Nach der Lektüre von „Pigeon English“ kann ich etwas besser nachvollziehen, wie es sein muss, in so einer Gegend aufzuwachsen. Wie wenig Möglichkeiten die Jugendlichen haben, sich vor dem Leben in einer Gang zu schützen. Die sicherste Möglichkeit zu überleben ist mit zu machen, auch wenn es gegen die eigenen Grundsätze verstößt. Harri sieht diese Welt mit der Naivität eines Elfjährigen, was seine Erlebnisse umso realistischer wirken lässt.

Dieses Buch hat mich sehr bewegt, auch nach der letzten Seite denke ich noch oft an Harri zurück. Ein Roman, den ich nicht jedem empfehlen würde. Aber all jenen, die bereit sind einen Blick in diese fremde Welt zu riskieren, die sich in jeder Großstadt findet. Oft nicht weit entfernt von der eigenen Haustür.

Pigeon English – Stephen Kelman
298 Seiten, Berlin Verlag
ISBN 9783827009753, 19,90 €
Hardcover

Andrea Levy – Das lange Lied eines Lebens

July berichtet ihrem Sohn über ihr bewegtes Leben. Sie wurde als Sklavin auf Jamaika geboren, ihr Vater war Aufseher der Plantage. Durch Zufall stieg sie zur Haussklavin auf, deren Leben um einiges angenehmer war als das der Sklaven auf den Zuckerrohrfeldern. Aber ein Sklavenleben voller Entbehrungen und Ungerechtigkeiten war es noch immer. So kommt es auch, dass July keinen anderen Weg sieht, als ihren neugeborenen Sohn vor der Tür des Pfarrers auszusetzen. Sie erlebt mit, wie sich die Sklaven gegen ihre Besitzer auflehnen und ihre Freiheit erkämpfen. Wird auch July die Freiheit finden? Wie haben sie und ihr Sohn wieder zueinander gefunden?

„Das lange Lied eines Lebens“ hat mich sehr berührt. Obwohl es aus der Sicht einer Sklavin ein alles andere als schönes Leben beschreibt, ist es nicht trübsinnig. July macht das Beste aus ihrem Leben, lässt sich nicht unterkriegen und berichtet in sehr lockerem Stil von ihren Erlebnissen. Der gut zu ihr passt, schließlich ist sie in einfachen Verhältnissen und mit der Sklavensprache aufgewachsen. Durch diesen Stil wirkt der Roman sehr authentisch, lässt den Leser ganz in der dunklen Welt der Sklaverei eintauchen. Aber nie im Morast der Traurigkeit versinken, davor bewahrt einen das Lachen, das einem Julys freche Art immer wieder entlockt.

Ein Buch dem ich viele Leser wünsche, damit die Erinnerungen an das Sklaventum nicht in Vergessenheit geraten. Leider ist das Thema nicht so weit weg, wie es uns in Europa oft scheint. In vielen anderen Gegenden leben Menschen noch immer unter ähnlichen unwürdigen Umständen, wähnen sich einige Menschen anderen überlegen, nur auf Grund ihrer Abstammung. Andrea Levy berichtet in diesem fesselnden Buch darüber, wie mutige Menschen es geschafft haben, sich vom Joch der Sklaverei zu befreien. Von den kleinen wie auch den großen Akten der Rebellion, dem Widerstandsgeist, der sie letztendlich ihre Freiheit gewinnen ließ.

Das lange Lied eines Lebens – Andrea Levy
360 Seiten, DVA
ISBN 9783421044839, 19,99 €

Anthology der Gier

michason & may rief Künstler verschiedenster Art auf, sich an der „Anthology der Gier“ zu beteiligen, 40 Beiträge wurden letztendlich ausgewählt und in diesem auf 500 Exemplare limitierten Band vereint. Gedichte und Kurzromane finden sich ebenso wie fotografische Umsetzungen des Themas Gier. Vor allem letztere sind dafür verantwortlich, dass ich dem Buch FSK 18 erteilen würde. ;)

Alle Texte sind maximal eine Seite lang, auf so wenig Raum den Leser zu fesseln ist alles andere als einfach. Vielen der Künstlern ist es gelungen, man nahm ihre Texte auch nach dem letzten Punkt noch mit und hakte ihn nicht einfach ab. Wie meist in Anthologien, ist es eine Mischung aus großartigen Beiträgen und weniger begeisternden. Alles in allem ist die Mischung aber sehr gelungen.

Qualitativ ist der Band sehr hochwertig gestaltet, so kommen auch die fotografischen Beiträge sehr gut zur Geltung. Was mir allerdings etwas negativ auffiel, ist die Sprachmischung im Titel „Anthology der Gier“. Bei einem Titel, der gerade mal drei Wörter umfasst, sollte es doch möglich sein, sich für eine Sprache zu entscheiden.

Eine interessante Sammlung sehr abwechslungsreicher Beiträge, die ich mir sehr gerne näher angeschaut habe.

Anthology der Gier
63 Seiten, michason & may
ISBN 9783862860067, 12,00 €

Ina Weisse – Die Geliebte

Sie ist eine Geliebte. Er ist verheiratet, sie müssen sich heimlich lieben, haben immer nur kleine Zeitfenster, die er sich stiehlt, um mit ihr zusammen zu sein. Niemals wird sie ihn ganz für sich haben. Trotzdem ist sie bereit, all das auf sich zu nehmen, was es eben bedeutet, eine Geliebte zu sein. Warum tut sie sich da an?

Ina Weisse erzählt die Geschichte einer Frau, die sich ganz bewusst in die Rolle einer Geliebten begibt. Eine Rolle, die viele Frauen nicht nachvollziehen können. Auch nach diesem Buch würde ich mich selbst niemals in diese Rolle begeben wollen, kann aber etwas besser nachvollziehen, warum andere es unter Umständen tun. Die Geliebte sieht ihre Rolle auch nicht verklärt, hofft nicht, dass er eines Tages ganz ihr gehören wird. Sie sieht das ganze Spiel realistisch und will sich trotzdem nicht von ihm lösen.

„Die Geliebte“ bietet einen interessanten Einblick in die Gefühlswelt einer Frau, die immer nur die Nebenfrau sein wird, und das auch weiß. Durch die selbstkritischen Beobachtungen der Geliebten erlebt der Leser den Alltag einer solchen Beziehung, begleitet die Protagonisten auf ihrem Weg durch Höhen und Tiefen, erlebt wie sich ihre Beziehung verändert.

Ein Buch, das mich überrascht hat. Erwartet hatte ich tränenreiche Liebesbekundungen oder stilles Leiden. Gefunden habe ich zwar wirklich Emotionen, aber mit Tiefgang und kritische Selbstbetrachtung.

Die Geliebte – Ina Weisse
223 Seiten, Goldmann
ISBN 9783442312177, 19,99 €

Gehört: Daniel Glattauer – Theo, Antworten aus dem Kinderzimmer

Daniel Glattauer porträtiert seinen Neffen Theo, vom ersten Tag seines Lebens an. Jahr für Jahr berichtet er über dessen Fortschritte und Theo bietet schnell allerhand berichtenswertes. Er ist ein helles Köpfchen, was bei Außenstehenden für gute Unterhaltung sorgt, ab und an aber sicher auch ziemlich anstrengend ist. Als Theo alt genug war, um mehr oder weniger sinnvoll auf Fragen zu antworten, wurde er interviewt. Zu guter Letzt revanchiert er sich dafür, in dem er die Rollen vertauscht und seinem Onkel Löcher in den Bauch fragt.

Das Hörbuch zu „Theo“ ist gekürzt, was aber nicht auffällt, wenn man nicht zum Beispiel aus einer Lesung Szenen kennt und dann hier vermisst. Die Kürzungen sind sinnvoll gesetzt, so dass man den Eindruck hat, Theo lückenlos durch seine ersten Jahre zu begleiten. Daniel Glattauer berichtet sehr humorvoll aus dem Leben seines Neffen, es macht sehr viel Spaß, den Abenteuern mit Theo zu folgen.

Da ich Daniel Glattauer selbst aus seinem Buch habe lesen hören, fehlte mir in den ersten Minuten des Hörens ein wenig der Wiener Dialekt. Der Sprecher traf den passenden Tonfall aber sehr gut und schnell hatte ich mich eingehört. Im letzten Interview, das Theo mit seinem Onkel führt, antwortet Daniel Glattauer auch selbst.

Ein Buch, das mich überrascht hat, da ich nicht gedacht hätte, mit Texten zu diesem Thema so viel Spaß zu haben. Wer die Gelegenheit hat, sollte unbedingt mal rein hören. Aber Vorsicht, meine Mitreisenden haben mich ab und an seltsam angeschaut, weil ich breit grinsen musste.

Hörbuch

Theo, Antworten aus dem Kinderzimmer
Autor Daniel Glattauer
Sprecher Peter Jordan
Länge 3 Stunden 23 Minuten (gekürzt)
Genre: Comedy & Humor

Hörprobe und Downloadmöglichkeit bei Audible (Preis 13,95 €)

Delphine de Vigan – No & ich

Lou ist 13 Jahre alt und eine Einzelgängerin. Nicht immer freiwillig, aber da sie zwei Schuljahre übersprungen hat fällt es ihr schwer, in der Klasse Freunde zu finden. Dass sie hochintelligent ist, macht es nicht einfacher. Als sie ein Referat über obdachlose Frauen halten soll, lernt sie No kennen. No lebt auf der Straße, seit sie mit 18 Jahren aus dem Heim entlassen wurde. Sie steckt in der hoffnungslosen Schleife, dass man ohne Wohnsitz keine Arbeit findet und ohne Arbeit keinen Wohnsitz. Das Leben auf der Straße erleichtert sie sich, in dem sie zuviel trinkt. Lou beschließt ihr zu helfen. Doch kann man jemanden aus diesem Leben befreien oder ist es wie die Erwachsenen sagen: „Die Dinge sind, wie sie sind…“?

„No & ich“ ist ein sehr einfühlsamer Roman über schwierige Verhältnisse und den Mut, sich den Dingen entgegen zu stellen und etwas zu wagen um anderen zu helfen. No macht es Lou nicht leicht. Nicht weil sie sich nicht helfen lassen möchte, sondern weil sie einfach schon zu tief drin steckt und nicht ohne weiteres ein „normales“ Leben aufnehmen kann. Doch Lou gibt nicht auf und versucht wirklich alles, um No nicht alleine zu lassen. Die Geschichte erzählt von ganz besonderen Freundschaften, nicht nur zwischen Lou und No. Hinter der Fassade sieht die Welt der Menschen oft doch ganz anders aus als gedacht.

Mit „No & ich“ ist Delphine de Vigan ein warmherziger Jugendroman gelungen, der durch seinen emotionalen Tiefgang auch erwachsene Leser noch zu fesseln vermag. Lou ist mir während des Lesens sehr ans Herz gewachsen, mit ihr ist der Autorin ein nicht alltäglicher Charakter gelungen, dem durch die Geschichte zu folgen sehr viel Freude bereitet.

No & ich – Delphine de Vigan
256 Seiten, Knaur
ISBN 9783426501580, 8,95 €

Gayle Forman – Wenn ich bleibe

Mia ist siebzehn Jahre alt, als sie mit ihrer Familie in einen furchtbaren Autounfall gerät. Ihre Eltern sind beide sofort tot, sie selbst liegt im Koma, schwebt zwischen Leben und Tod. Ähnlich wie ein Geist befindet sie sich außerhalb ihres Körpers, beobachtet wie die Ärzte sie versorgen, sieht wie Verwandte und Freunde sie besuchen. Mit der Zeit wird ihr klar, dass sie sich entscheiden muss. Für den so lockenden friedlichen Tod? Denn wenn sie bleibt, bedeutet das ein Leben ohne ihre Familie. Oder doch für das Leben, für ihren Freund und ihre gemeinsame Leidenschaft, die Musik?

„Wenn ich bleibe“ ist ein Buch, für das man sich ein paar ruhige Stunden nehmen sollte. Es ist sehr traurig und berührt den Leser an Stellen, die man meist lieber sicher verbirgt. Mia geschieht das Schlimmste, das man sich vorstellen kann. Sie verliert gleich mehrere geliebte Menschen auf einmal. Niemand wird dieses Buch lesen können, ohne darüber nach zu denken, wie furchtbar sich das anfühlen muss. Gerade weil Mias Verlust gar nicht so deutlich thematisiert wird, ihre Gefühle diesbezüglich werden kaum in Worte gefasst.

Aber während Mia ihre Entscheidung treffen muss, denkt sie über die Vergangenheit nach. Erinnert sich an besondere Momente mit ihren Eltern und ihrem Bruder, erzählt wie sie mit ihrem Freund zusammen kam, welche Probleme sie in der Beziehung haben. Durch diese Erzählungen wird dem Leser bewusst, wie viel Mia ihre Familie bedeutet und wie grausam dieser Verlust für sie sein muss.

In diesem Buch wurde ein sehr emotionales Thema mit großer Sensibilität bearbeitet. So traurig es ist, immer wieder gibt es auch Szenen, die einen warm ums Herz werden lassen. Wenn ihr Freund alles versucht, um sie besuchen zu dürfen und dafür das halbe Krankenhaus auf den Kopf stellt. Oder wenn ihr Großvater ihr genau das sagt, was sie gerade braucht.

Bei diesem Thema könnte es leicht kitschig oder auf die Tränendrüse gedrückt werden. Beides findet sich hier nicht, der Drahtseilakt starker Gefühle ohne übertriebenes Pathos ist meisterhaft gelungen.

Ein wunderbares Buch, das mich immer wieder inne halten und nachdenken ließ. Kein Buch, das man nebenbei liest, das einem, in der richtigen Stimmung gelesen, nachdenkliche und gefühlvolle Lesestunden bescheren wird.

Wenn ich bleibe – Gayle Forman
271 Seiten, Blanvalet
ISBN 9783764503512, 16,95 €
Hardcover

Edda Minck – Idioten auf zwei Pfoten: Die Mops-Tagebücher

El-Rei Dom João der 28. ist ein Mops, aber nicht irgendein Mops. Als Abkömmling großer Seefahrer und Entdecker herrscht er über ein Rudel Straßenhunde im spanischen Vila do Santo Chouriço. Bis sein Rudel eines Tages in eine Falle gerät, er selbst wird schwer verletzt nach Deutschland gebracht und dort nach seiner Genesung einer Zweibeinerin überlassen, die meint sie sei die Chefin in ihrem kleinen Rudel. Einen anderen Namen verpasst sie ihm auch einfach, als ob „Herr Schröder“ ein angemessener Name für einen Mops von so edlem Geblüt wie dem seinen sei. Aber immer noch besser als Pelzwurst, wie sie ihn ab und auch ruft. Er lässt es über sich ergehen, lange will er hier sowieso nicht bleiben, schließlich wartet sein Rudel auf ihn, er muss flüchten sobald sich die Gelegenheit ergibt. So kann doch kein Hund leben, erleichtern darf er sich nur wenn es ihm gestattet wird, zu essen gibt es nach Pappe schmeckendes trockenes Zeug und über die anderen Hunde, die beim Anblick eines Balls schier aus dem Häuschen geraten kann er nur den Kopf schütteln, wie infantil!

„Idioten auf zwei Pfoten“ schafft es seine Leser gleichzeitig mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück zu lassen. João berichtet in Tagebucheinträgen von seinem neuen Leben, seinen neuen Bekanntschaften und den unfassbaren Bedingungen, unter denen er hier leben soll. Als an Freiheit gewöhnter Hund, der sich tapfer durchs Leben schlug, ist für ihn das Leben der von klein auf als Haushunde lebenden Artgenossen unvorstellbar. Allerdings ist er selbst auch nicht ganz unschuldig an den Komplikationen in seinem neuen Leben, wie ihm sein Kumpel Scooter immer wieder klar macht. Erst als João lernt, dass auch er nicht besser ist als die anderen Hunde, kann er sich in sein neues Leben einfügen. Bis dahin ist es allerdings ein langer Weg.

Joãos Erzählungen sind zum einen von sarkastischem Witz geprägt, der mich beim Lesen immer wieder lachen ließ. Herrlich, wie er die Methode der Hundetrainerin, ihn mit Wurstgaben beim Anblick anderer Hunde positiv zu konditionieren, einfach umdrehte. Natürlich macht er jetzt noch mehr Theater, denn dann gibt es noch mehr Wurst. ;) Viele seiner Betrachtungen des Haushundlebens sind allerdings nur zu wahr und traurig, viel zu oft werden Hunde vermenschlicht und von ihren Herrchen entsprechend falsch behandelt. Erst wenn der Mensch lernt, dass ein Hund ein Hund ist und wie ein Hund denkt, kann das Zusammenleben wirklich funktionieren.

Ich hatte sehr viel Spaß beim Lesen von Joãos Geschichte und kann das Buch jedem Hundebesitzer nur ans Herz legen, vielleicht sieht man seinen Hund anschließend mit anderen Augen. Aber auch für Nicht-Hundemenschen bietet die Erzählung dieses charakterstarken Hundes tolle Unterhaltung. Möpse sind eben doch ganz besondere Hunde, nicht nur wegen der 13 verschiedenen Mopsgesichter, mit denen sie sich ihre Herrchen erziehen.

Idioten auf zwei Pfoten, Die Mops-Tagebücher – Edda Minck
222 Seiten, Goldmann
ISBN 9783442312351, 12,90 €
Hardcover

David Benioff – Stadt der Diebe

Leningrad mitten im zweiten Weltkrieg, die Stadt wird von den Deutschen belagert. Lew und Kolja lernen sich im Gefängnis kennen. Der eine wurde wegen Plünderung verhaftet, der andere ist angeblich ein Deserteur der Roten Armee. Auf beide Vergehen steht die gleiche Strafe, sofortige Exekution. Doch es kommt anders, die Tochter des Obersts will in wenigen Tagen heiraten, das einzige was noch zu ihrem Glück fehlt ist ein Dutzend Eier für die Hochzeitstorte. Wenn die beiden es schaffen sollten, die Eier zu besorgen, werden sie rehabilitiert. Schnell stellt sich heraus, dass es scheinbar unmöglich ist, im besetzten Leningrad auch nur ein einziges Ei aufzutreiben. Werden die beiden ihre Aufgabe trotzdem erfüllen können?

„Stadt der Diebe“ berichtet nicht nur von den Schrecken des Krieges in einer besetzten Stadt mitten im Winter, in der der Hunger so groß ist, dass die Bewohner den Leim aus Bucheinbänden essen müssen um nicht zu verhungern. Es erzählt auch von einer ganz besonderen Freundschaft, die sich aus der Zweckgemeinschaft der beiden grundverschiedenen Charaktere entwickelt.

David Benioff schafft es den Leser von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln. Trotz der düsteren Szenerie, darf man ab und an schmunzeln. Vor allem Kolja verliert bis zur letzten Seite nicht seinen Humor und sorgt so trotz all der Traurigkeit immer wieder für kleine Lichtblicke.

Ein beeindruckendes Buch, das einem die Schrecken des Krieges vor Augen führt. Aber auch, wie wichtig es gerade in solchen Zeiten ist, nicht den Mut zu verlieren und zusammen zu halten. Als „Buch des Jahres“ würde ich es allerdings nicht bezeichnen, andere haben mich mehr berührt, gingen mehr unter die Haut, zum Beispiel “Kinder der Hoffnung” von Marc Levy.

Stadt der Diebe – David Benioff
384 Seiten, Heyne
ISBN 9783453407152, 9,95 €