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Harold Cobert – Ein Winter mit Baudelaire

Philippe verliert nach und nach alles, was ihm im Leben wichtig war. Erst seine Familie, seine Ex-Frau verbietet ihm den Kontakt zu seiner Tochter. Dann den Job, als ein Kollege ihm einen wichtigen Auftrag wegnimmt. Schneller als er sich versieht, steht er auf der Straße. Mitten unter denen, die er vor kurzem noch verachtet hat. Mitten im ewigen Kreislauf „ohne Job keine Wohnung, ohne Wohnung kein Job“. Erst als er Baudelaire kennen lernt, hat er wieder einen Grund zu kämpfen, um sich aus diesem Sumpf heraus zu ziehen.

„Ein Winter mit Baudelaire“ ist ein wunderschönes und ein furchtbar trauriges Buch. Ein Großteil des Romans berichtet von den furchtbaren Zuständen, mit denen man als Obdachloser zu Recht kommen muss. Auch sprachlich wird der Niedergang von Philippe deutlich gemacht, umso tiefer er in der Gosse steckt, umso derber sind die Beschreibungen. Hält er anfangs selbst Abstand von stinkenden Pennern und sieht auf sie herab, wird er mit der Zeit selbst einer von denen, die in der U-Bahn viel Platz um sich herum haben.

Das französische Sozialsystem wird näher beleuchtet, ebenso die persönlichen Abgründe, die sich auftun, wenn man sich plötzlich in einer solchen Situation wieder findet. Nur wenige haben das Glück, einen Anker in ihrem Leben zu finden und Freunde, die ihnen helfen wieder Fuß zu fassen.

Ein Buch, das mich sehr berührt hat und mich die Menschen auf der Straße mit anderen Augen sehen lässt.

Ein Winter mit Baudelaire – Harold Cobert
288 Seiten, Piper
ISBN 9783492273435, 8,99 €
Taschenbuch

Lucinda Riley – Das Orchideenhaus (Hörbuch)

 

Julia erholt sich nach einem schweren Schicksalsschlag in der Nähe des Landsitzes, mit dem sie viele schöne Erinnerungen verbindet. Ihre Großeltern haben hier früher als Angestellte gelebt und Julia hat viel Zeit dort verbracht. Als bei Renovierungsarbeiten im alten Cottage ihrer Großeltern ein Tagebuch gefunden wird, kommt ein altes Familiengeheimnis zu Tage. Während der Leser Julia auf ihrem Weg zurück ins Leben begleitet, folgt Julia den Spuren ihrer Großeltern in längst vergangenen Zeiten.

Familienromane können durchaus angenehme Lektüre sein, mit der man es sich gemütlich machen und die Welt einfach mal Welt sein lassen kann. Mit „Das Orchideenhaus“ ist mir das allerdings nicht gelungen. Schon zu Beginn wird klar, dass so lange wie nur möglich verheimlicht wird, welcher Schicksalsschlag Julia getroffen hat. Dabei dürfte das den meisten Lesern nach kürzester Zeit klar sein, man wartet eigentlich nur noch auf die Bestätigung.

Den Charakteren bleibt kein Drama erspart. Drama gehört zu einem Familienroman dazu, aber es gibt eine gewisse Maximaldosis, die nicht überschritten werden sollte. Wem noch ein mögliches Drama einfällt, das in diesem Roman nicht vorkommt, der meine Hochachtung. Mir fällt wirklich keines mehr ein. Wenn man meint, jetzt ist es aber genug, wird noch eine Kelle draufgesetzt. Auch Liebesromane kann man mit mehr Niveau schreiben.

Wenn man bedenkt, wie schnell sämtliche handelnden Personen mit ihren Heiratsanträgen bei der Hand sind, muss man sich allerdings nicht wundern, dass keiner viel von Treue oder Vertrauen hält. Und keine Sorge, das Happy End bleibt natürlich auch nicht aus.

Mit der Sprecherin Simone Kabst wurde ich auch nach Stunden nicht warm. Sie lässt alle Personen unmotiviert durch die Gegend nuscheln, kaum Emotionen aufkommen.

Nach vielen wirklich tollen Hörbüchern, war ich vielleicht auch ein wenig verwöhnt. Aber dieses hier ist für mich der Hörbuchflopp des Jahres 2011.

Hörbuch

Das Orchideenhaus
Autor Lucinda Riley
Sprecher Simone Kabst
Länge 7 Stunden 15 Minuten (gekürzt)
Genre: Romane

Hörprobe und Downloadmöglichkeit bei Audible (Preis 10,95 €)

Im Flexi-Abo für 9,95 €

 

Nagel – Was kostet die Welt

 

Meise hat geerbt, ganze 15.000 Euro. Was macht er denn jetzt mit dem Geld? Das, was sein Vater nie damit getan hat: auf Reisen gehen. Die Welt sehen und den Horizont erweitern. Viel lässt er nicht zurück, sein Job als Barmann wartet auf ihn. Als er nach seinen Reisen nach Berlin zurückkommt, findet er aber nicht mehr wirklich zurück in sein altes Leben. 1.000 Euro sind noch übrig, er packt seinen Rucksack und reist kurzerhand zu einem Bekannten, den er in den USA kennen gelernt hatte. An die Mosel, auf ein Weingut. Ohne die Ablenkungen der großen weiten Welt, muss er sich hier auf dem Land der einen oder anderen Selbsterkenntnis stellen.

„Was kostet die Welt“ ist ein Buch voller Betrachtungen und schonungsloser Wahrheiten. Nagel nimmt kein Blatt vor den Mund und lässt Meise das aussprechen, was man sich oft genug nur denkt. Dabei macht er auch vor dem Innenleben des Protagonisten nicht halt. Konfrontiert mit der Einfachheit des Landlebens und der gänzlich unterschiedlichen Lebenseinstellung der Landbewohner zu seiner eigenen, bleibt auch die eine oder andere Wahrheit über sich selbst nicht aus. In Meises Vergangenheit gibt es so manches, was tief begraben doch nicht ruhen wollte.

Der trockene Humor mit zynischem Unterton  mag nicht jedermanns Sache sein, meinen Humorlevel hat er voll getroffen. Meise ist nicht sympathisch, ganz im Gegenteil. Ich mochte ihn trotzdem. Dass er seinen unfreiwilligen Selbstfindungstrip gerade an der Mosel erlebt, war für mich das Sahnehäubchen. Als Saarländerin ist mir dieser Menschenschlag ganz gut bekannt und Nagel hat sie sehr treffend beschrieben.

Ein tragischer Roman mit viel Humor und erschreckenden Wahrheiten.

Ab Januar wird das Buch auch als Taschenbuch im Heyne Verlag erhältlich sein.

Was kostet die Welt – Nagel
320 Seiten, Heyne
ISBN 9783453266872, 16,99 €
Hardcover

Andrea Stoll – Der kalte Himmel

 

Ein kleines Dorf im tiefsten Bayern gegen Ende der sechziger Jahre. Hier lebt die Hopfenbäuerin Mari mit ihrer Familie. Dass ihr Sohn etwas Besonderes ist, ahnt sie schon lange. Er meidet den direkten Blickkontakt, von Geburt an, legt keinen Wert auf körperliche Nähe und kommt mit anderen Kindern nicht zurecht. Lieber spielt er seine eigenen Spiele, in seiner ganz eigenen Welt. Das geht aber nur so lange gut, bis er eingeschult werden soll. Der Schularzt will Felix auf die Sonderschule schicken, weil er zurück geblieben sei. Doch Marie weiß, dass Felix nicht dumm ist. Er kann besser rechnen als sie. Sie kämpft für ihren Sohn, auch wenn sie sich dafür gegen das ganze Dorf stellen muss.

„Der kalte Himmel“ zeigt sehr deutlich, wie das Leben auf dem Dorf noch vor gar nicht langer Zeit aussah. Geprägt von verstaubten Grundsätzen, unflexibel und festgefahren in uralten Rollenmodellen. Wahrscheinlich findet man ähnliches noch heute in so manchem Dorf. Im krassen Gegensatz dazu wird das wilde Leben in Berlin 1968 gesetzt. Freiheit und Widerstand sind Marie bisher nie so begegnet wie hier. Die Zeit in der Großstadt verändert sie, lässt sie ihr Leben neu überdenken.

Autismus ist zu dieser Zeit eine kaum bekannte Krankheit. Kinder mit diesen Symptomen werden falsch diagnostiziert und erleiden grausame Fehlbehandlungen. Werden lieber still gestellt, als dass man versucht, einen Weg in ihre Welt zu finden. Marie kämpft mit einer Kraft um ihren Sohn, die nur eine Mutter aufbringen kann.

Ein in allen Facetten sehr berührender Roman, der ein eindrucksvolles Bild dieser Zeit malt. Leider bleibt es man manchen Stellen bei den Bildern. Man spürt, dass der Film vor dem Buch existierte. Beim Lesen zieht regelrecht ein Film vor dem inneren Auge vorbei. Die Tiefe, die man im Buch mit Hilfe von Hintergrundinformationen, Gedanken und Ähnlichem entstehen lassen könnte, fehlt allerdings oft.

Trotzdem ein Roman, den ich kaum mehr aus der Hand legte. Weil mich diese Zeit und ihre gelungene Darstellung fesselte. Wie nahe sich zwei vollkommen unterschiedliche Weltvorstellungen sein können. Und wie schwierig, sich plötzlich in einer gänzlich fremden Welt wieder zu finden. Sei es die Großstadt, oder die Welt eines autistischen Kindes.

Der kalte Himmel – Andrea Stoll
267 Seiten, Goldmann
ISBN 978342312825, 18,99 €
Hardcover

Sara Gruen – Wasser für die Elefanten (Hörbuch)

Jacob zieht es von einem Tag zum anderen den Boden unter den Füßen weg. Mehr durch Zufall landet er beim Zirkus und reist fortan mit ihm durch die Gegend. Der Direktor freut sich über einen Beinahe-Tierarzt, Jack hat einen Platz zum schlafen und Arbeit. Anfangs fällt es ihm nicht leicht, sich in der Hierarchie des Zirkus zu Recht zu finden. Doch mit der Zeit erobert er sich den Respekt seiner Kollegen. Als die Elefantendame Rose zum Zirkus kommt, freundet Jacob sich mit ihr an. Aber nicht nur mit ihr, auch mit der hübschen Kunstreiterin Marlena versteht er sich sehr gut. Leider ist die mit dem cholerischen Dompteur verheiratet. Ob sie trotzdem zueinander finden?

 

„Wasser für die Elefanten“ ist ein wunderschönes Hörbuch, bei dem einfach alles stimmt. Andreas Fröhlich leiht Jacob seine Stimme und erzählt rückblickend seine Lebensgeschichte. Man ist vom ersten Satz an in der Geschichte, folgt Jacob gespannt auf seinem Weg und kann sich nur schwer aus der wunderbaren Atmosphäre lösen.

 

Die Zirkuswelt hinter den Zelten hat wenig mit Romantik zu tun. In den 30er Jahren, als Jacob beim Zirkus war, wohl noch viel weniger als heute. Wer nicht spurt oder zum unnützen Esser wird, muss bei Rot aussteigen. Meint, er muss den Zug an einer Ampel verlassen. Alles ist genau geregelt, man tut gut daran, diese Regeln schnell zu lernen und einzuhalten. So hart das Leben damals auch geschildert wird, der Zirkuszauber glitzert trotzdem immer wieder durch. Wenn Marlenas Auftritt beschrieben wird, oder die Menschenmenge vor einer Vorstellung. Man meint die Zuckerwatte und gebrannte Mandeln riechen zu können, die Tiere in der Menagerie zu hören.

 

Mit „Wasser für die Elefanten“ kann man sich mühelos für einige Stunden weit weg träumen. Und sich von einem äußerst sympathischen Herrn erzählen lassen, wie das früher so war. Beim Zirkus und mit einem Elefanten namens Rose.

 

Hörbuch

Wasser für die Elefanten
Autor Sara Gruen
Sprecher Andreas Fröhlich
Länge 7 Stunden 41 Minuten (gekürzt)
Genre: Romane

Hörprobe und Downloadmöglichkeit bei Audible (Preis 15,95 €)

Im Flexi-Abo für 9,95

Veronika Peters – Das Meer in Gold und Grau

Katia hat, nicht ganz unschuldig, von einem auf den anderen Tag ihre Arbeit und ihre Wohnung verloren. Kurzerhand beschließt sie, an die Ostsee zu fahren und eine Tante zu besuchen, von der sie bisher nur gehört hatte. Ruth ist die Halbschwester von Katias Vaters und führt an der See das Strandhotel Palau. Eigentlich wollte Katia nur über ein Wochenende bleiben, es wurden ein paar Monate daraus. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie etwas gefunden, wofür sie sich engagieren und wo sie bleiben möchte. Aber so idyllisch das alte Strandhotel auch sein mag, die Zeit geht an niemandem spurlos vorbei.

„Das Meer in Gold und Grau“ ist ein wunderbares Buch, nachdem man am liebsten sofort seinen Koffer packen würde, um ein Hotel wie dieses zu suchen. Das Palau wird so atmosphärisch beschrieben, dass man sich in die alten Zimmer hinein versetzt fühlt, den Duft alten Holzes zu riechen meint. Seine Bewohner sind ebenso alt und nicht immer ganz einfach wie das Hotel selbst. Vorallem Katias Tante Ruth ist schon ein ganz eigener Menschenschlag. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Die dreißigjährige Katia wird von allen wie ein Küken behandelt und muss erst beweisen, dass sie auch kein Kind mehr ist. Obwohl sie oft aneinander geraten, versteht sie sich erstaunlich gut mit ihrer Tante. Man muss die Menschen eben so nehmen wie sie sind.

In Palau lernt Katia, was ihr wirklich wichtig ist und leistet so einiges, was sie sich vorher niemals zugetraut hätte. Sie hat endlich ihren Weg gefunden. Stehen bleiben kann sie aber nicht, denn auch im Strandhotel läuft die Zeit weiter und für manche läuft sie ab.

Ein wunderschönes und berührendes Buch, perfekt um sich im Herbst damit in den Lesesessel zu kuscheln und sich für ein paar Stunden an die Ostsee zu träumen.

Das Meer in Gold und Grau – Veronika Peters
285 Seiten, Goldmann
ISBN 9783442311682, 19,99 €
Hardcover

Andreas Eschbach – Ein König für Deutschland (Hörbuch)

Simon König hält plötzlich ein Computer-Programm in Händen, mit dessen Hilfe sich Wahlcomputer manipulieren lassen. Aber nicht lange, mehr als eine Partei ist hinter dem Programm her und er verliert es bald wieder. Zusammen mit einigen Computer-Freaks will er das Programm überlisten, beweisen, dass die Computer manipuliert sind. Sie gründen eine Partei, die die Wiedereinführung der Monarchie in Deutschland zum Ziel hat. Was wenn sie gewählt würden? Ein König für Deutschland? Wird es wirklich so weit kommen?

Vorweg: ich mochte Eschbachs Jugendroman „Black Out“ wirklich gerne. Aber mit seinen Büchern für Erwachsene komme ich einfach nicht zurecht. Was sollte „Ein König für Deutschland“ werden? Ein Thriller? Dann ist es ganz schön daneben gegangen. Dabei fängt es durchaus wie einer an. Wird dann aber schnell zu einer Lehrstunde in Politik. Grundsätzlich auch nicht verkehrt und könnte interessant sein. Wenn es nicht zur Dauerschleife „Wahlcomputer sind böse“ verkommt, wie es hier geschieht.

Ganz amüsant war das Querbeet-Sammelsurium der Nerds. Vom Computerspieler bis zum LARPer war alles dabei. Die Idee, die Königswahl als großes Live-Action-Rollenspiel-Event aufzuziehen, hat mir wirklich gut gefallen. Leider war das die letzte gute Idee im Buch. Danach flacht die Handlung schnell ab, die Spannung versickert einfach und ich konnte das Ende kaum mehr erwarten.

Vielleicht lerne ich es jetzt endlich und lasse die Finger von Eschbachs Büchern für Erwachsene. Auf „Hide Out“, die Fortsetzung seiner Jugendreihe, freue ich mich aber schon sehr.

Hörbuch

Ein König für Deutschland
Autor Andreas Eschbach
Sprecher Ulrich Noethen
Länge 6 Stunden 57 Minuten (gekürzt)
Genre: Thriller

Hörprobe und Downloadmöglichkeit bei Audible (Preis 13,95 €)

Emma Donoghue – Raum

Jack ist gerade fünf Jahre alt geworden. Zusammen mit seiner Mutter lebt er in Raum. Dort leben auch noch Schrank, Wanne, Bett und Zudeck. Eine kleine Welt, doch Jack kennt keine andere. Schlafen muss er in Schrank, denn abends kommt Old Nick zu seiner Mutter, der ihn nicht sehen darf. Alle anderen Menschen sind nur im Fernsehen. Die sind nicht echt. Nur Raum ist wirklich. Wird er jemals die Wahrheit erfahren?

„Raum“ ist aus der Sicht des kleinen Jack geschrieben, der bei aller kindlichen Naivität auch einen ganz besonderen Blick auf die Welt hat. Das Schicksal der beiden lässt niemanden unberührt, nach dem Lesen dieses Buches sieht man die Welt mit anderen Augen.

Es ist schwer mehr zu dem Buch zu schreiben, ohne zuviel vom Inhalt zu verraten. Das langsame lüften des Geschehens macht einen großen Teil der Spannung aus. Man ahnt zwar schnell, was geschehen ist, doch es kommt immer noch ein wenig ungeheuerlicher, als man sich selbst es ausgemalt hatte. Mit viel Fingerspitzengefühl versetzt die Autorin den Leser in die Rolle des kleinen Jacks, lässt ihn seine Ängste aber auch seine kindliche Freude und Mungst erleben. Was ist Mungst? Wenn man eigentlich Angst vor etwas hat, es aber doch so sehr will, dass man allen Mut zusammen nimmt. Zum Beispiel, um einer unerträglichen Situation vielleicht doch noch zu entkommen.

„Raum“ war eines der Bücher, die mich so sehr fesselten, dass die Welt neben mir hätte untergehen können. Ich hätte es erst am Ende des nächsten Kapitels gemerkt. Es macht einem deutlich, auf wie viele Arten Menschen eingesperrt werden können. Nicht nur räumlich.

Ein sehr beeindruckendes Buch, das mir viel zu denken gegeben hat.

Raum – Emma Donoghue
410 Seiten, Piper
ISBN 9783492054669, 19,99 €
Hardcover

Jasper Fforde – Grau

Eddie Russett ist ein Roter. Was bedeutet, dass er nur Rot als Farbe erkennen kann, alles andere ist für ihn grau. Nicht jeder sieht die Welt gleich, der Rang in der Gesellschaft hängt davon ab welche Farbe, und wie viel davon, man erkennen kann. Oberstes Ziel bei einer Heirat ist der chromatische Aufstieg, also die Farbwahrnehmung zu verbessern. Eddie ist schon halb einer Oxblood versprochen, die seine Rotwahrnehmung brauchen kann, er nimmt gerne die Bindfadenfabrik, die sie mit in die Ehe bringen würde. Doch dann muss er wegen ungebührlichen Benehmens in die Randzone reisen und dort eine Stuhlzählung vornehmen. Auf dem Weg dorthin wird er Zeuge eines seltsamen Todesfalls und fängt an, sich Gedanken zu machen. Dann lernt er auch noch Jane kennen, eine Graue. Graue können überhaupt keine Farben erkennen und stehen in der Gesellschaft auf der niedrigsten Stufe. Eine solche Verbindung wäre unmöglich. Oder vielleicht doch nicht? Und was hat Jane mit dem verschwinden von wertvollen Farbmustern zu tun? Weiß sie vielleicht etwas über den geheimnisvollen Toten?

„Grau“ ist der erste Band einer neuen Trilogie aus Jasper Ffordes Feder und ich freue mich jetzt schon auf die nächsten beiden Bände. Wer die Thursday-Next Reihe kennt und mag, wird auch mit diesem ersten Eddie-Russett-Roman viel Spaß haben. Es ist weniger schräg aber genauso intelligent und voller versteckter Anspielungen, zum Beispiel auf „Der Zauberer von Oz“. Allerdings ist dieses Buch ein wenig ernster, eine Dystopie, für die sich der Autor unter anderem durch „1984“ und „Schöne neue Welt“ inspirieren ließ.

Die gesamte Gesellschaft hält sich strikt an die Regeln, die ein gewisser Munsel vor über 500 Jahren aufgestellt hat. So entsteht ein autoritäres Regime, auch wenn die Obrigkeit nicht direkt sichtbar ist. Alles ist ganz genau vorgeschrieben, schon das Nachdenken über eine Änderung der Regeln oder gar ein in Frage stellen derselben bringt Ärger. Und in Frage stellen könnte man so einiges, warum wurde zum Beispiel die Produktion von Löffeln untersagt, so dass diese nun ein begehrtes Objekt sind?

Eddie ist sich zu Beginn des Romans über vieles selbst nicht bewusst. Er ist in diese Welt geboren worden und mit den Regeln aufgewachsen, sie sind selbstverständlich für ihn. Jane öffnet ihm die Augen. Und mit ihm lernt auch der Leser diese Welt erst wirklich kennen. Das macht den Roman so spannend, diese seltsame und geheimnisvolle Welt nach und nach zu entdecken, hinter die Kulissen zu schauen.

Jasper Fforde hat mit „Grau“ mal wieder bewiesen, wie unglaublich gut er mit Worten umgehen, Welten bauen und Geschichten spinnen kann. Ich schließe mich einfach Terry Pratchett an, der zu diesem Roman meinte „Genial!“.

Grau – Jasper Fforde
496 Seiten, Eichborn
ISBN 9783821861401, 19,95 €
Hardcover

Patrick Ness, Siobhan Dowd – Sieben Minuten nach Mitternacht

Nacht für Nacht wird Conor vom immer gleichen Albtraum geplagt. Jede Nacht, seit seine Mutter schwer an Krebs erkrankt ist. Sieben Minuten nach Mitternacht erwacht Conor aus diesem Albtraum, und landet gleich im nächsten. Ein Monster steht im Garten und fordert, dass Conor ihm zuhört. Drei Geschichten will es ihm erzählen. Die vierte Geschichte muss Conor selbst erzählen. Es muss die Wahrheit sein. Eine Wahrheit, die Conor sich selbst nicht einzugestehen traut. Die er niemals laut aussprechen könnte.

„Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist eine wunderbare und unglaublich traurige Geschichte. Eine Geschichte über das Loslassen eines geliebten Menschen. Peter Ness und Siobhan Dowd berühren den Leser mit diesem Buch an Stellen, die auch die meisten von uns gut verstecken. Wer bei diesem Buch keine Träne vergießt, hatte das Glück, noch nie einen geliebten Menschen verlieren zu müssen. Conor ist dem Leser so nahe, dass man gar nicht anders kann als mit ihm mit zu fühlen. Seine Wut, seinen Schmerz, seine Einsamkeit.

Vertieft werden all diese Emotionen durch die ausdrucksstarken und düsteren Illustrationen. Sie stehen nicht nur neben dem Text, sie vermischen sich mit ihm. Bilder und Worte sind eine Einheit, die den Leser mitreißt.

Dieses Buch hat mich berührt, wie schon lange kein anderes mehr. Es ist ein Buch für jedes Alter, weshalb ich die Entscheidung, das Buch einmal in einer Jugendbuch-Ausgabe und einmal in einer Erwachsenen-Ausgabe heraus zu bringen, sehr gut finde. So findet es mehr Leser und die hat es verdient. Für mich ist es der Buchtipp im Herbstprogramm 2011. Für alle, die vor den dunklen Seiten des Lebens nicht die Augen verschließen sondern bereit sind, die Wahrheit zu sehen.

Patrick Ness, Siobhan Dowd – Sieben Minuten nach Mitternacht

215 Seiten, Goldmann

ISBN 9783570153741, 16,99 €

Illustriertes Hardcover