Am 16. November 2010 stellte Clemens Tangerding in der Würzburger Stadtbücherei am Falkenhaus sein Hörbuch “Würzburg in der Zeit Napoleons” (Eine Reise aus der Vergangenheit in die Gegenwart – Eine Lesung aus historischen Quellen) vor. Ich durfte das Hörbuch vorab als Rezensionsexemplar schon hören.
Angekündigt wurde das Buch im Pressetext als eine Reise in die Vergangenheit Würzburgs, in die Zeit Napoleons vor 200 Jahren. Denn schon damals erlebte Würzburg eine Krise, ähnlich wie gerade die Weltwirtschaftskrise. Über die Weltwirtschaftskrise wurde in den Medien viel berichtet, ihr Ursachen und Wirkungen auf die Gesellschaft und die Wirtschaft beleuchtet. Aber wie reagierten die einzelnen Menschen auf diese Krise? Und wie taten sie es in vergangenen Zeiten? Im Stadtarchiv der Stadt Würzburg finden sich Briefe, Reiseberichte und Bittgesuche aus vielen Jahren Würzburger Geschichte. Anhand dieser Dokumente unternimmt Clemens Tangerding eine Reise in die Würzburger Vergangenheit und trifft dort auf Probleme, die den aktuellen doch sehr ähnlich sind.
Geprochen werden die Texte von Markus Grimm und Nell Pietrzyk, Alexander Wienand spielte am Klavier einige Stücke von Johann Sebastian Bach, Joseph Küffner und Ludwig van Beethoven ein.
Die Idee für das Hörbuch fand ich sehr interessant und hatte mich darauf gefreut, als Ralf vom Würzblog mich fragte, ob ich es besprechen möchte. Leider muss ich nach dem hören sagen, dass ich die Umsetzung alles andere als gelungen finde.
Worum es in dem Hörbuch überhaupt geht, wird erst nach einer viertel Stunde überhaupt erwähnt. Nach dem ersten Musikstück wird das Bittgesuch von Matheß Karl aus dem Jahr 1804 vorgelesen. Dessen Schicksal wirklich nicht leicht war, aber was ein verkrüppelter Fuß mit der allgemeinen Wirtschaft zu tun hat, wollte sich mir nicht erschließen. Anschließend berichtet der Sprecher von einem Treffen mit seiner Freundin Anna, die nach 12 Jahren von ihrem Freund verlassen wurde. Was das mit der Weltwirtschaftskrise zu tun hat? Ein Trennungsgrund war wohl, dass sie nicht bereit war, sich während der Krise eine neue Arbeitsstelle zu suchen, obwohl sie sich mit ihrer aktuellen Stelle nicht identifizieren kann. Diese Geschichte wirkt etwas konstruiert, als würde krampfhaft versucht, einen Aufhänger für das große Ganze zu finden. Jetzt wird nämlich endlich mal die Idee hinter allem erwähnt, der Autor möchte erfahren, welche Auswirkungen die Krise auf den einzelnen Menschen hatte.
Anschließend folgt eine sehr interessante Einführung in das vergangene Würzburg und seine abwechslungsreiche Geschichte, zu der Zeit wechselte es seine Herrscher teilweise öfter als diese ihre Leibwäsche. Dieser Abschnitt des Hörbuches gefiel mir sehr gut, auch wenn er immer noch wenig mit einer Wirtschaftskrise zu tun hat.
Nach einem Klavierstück aus der Feder des Würzburger Komponisten Joseph Küffner berichtet der Sprecher, wie er in einem Archiv auf das Bittgesuch des Lichterziehers (Kerzenmachers) Franz Sturm stößt, der darin bittet, nicht zum Kriegsdienst eingezogen zu werden. Nach diesem Bittgesuch dreht sich das Thema um heutige Bundeswehrsoldaten und ihre Traumata. Ein wichtiges Thema, aber der Autor begründete vorher seine Wahl der Krise zu Zeiten Napoleons und nicht der nach den Weltkriegen eben damit, dass Kriege eine besondere Situation sind. Warum geht es jetzt um Soldaten?
Weiter geht es mit einem Krieg der ganz eigenen Art, mit jedem Herrschaftswechsel wurden auch die Lehrstühle an der Universität neu besetzt, die Professoren kämpften regelmäßig um ihre Stellen und gingen untereinander wohl nicht zimperlich miteinander um. In einigen Briefen wurde übelst über Konkurrenten hergezogen. Sicher ahnt ihr schon meine Frage: Wirtschaftskrise?
Als Fazit aus diesem Abschnitt zieht der Autor, dass der Mensch in Zeiten der Krise erst vor der eigenen Haustür kehrt, statt, wie der Autor hoffte, politischer zu denken. Ich denke, das soll auch die Grundaussage des Hörbuches sein. Aber mal ganz ehrlich, so traurig diese Erkenntnis ist, das hätte ich dem Autor auch vorher sagen können, dafür hätte er nicht stundenlang in staubigen Archiven wühlen müssen.
Das Ende des Hörbuches lässt mich dann vollkommen ratlos zurück, verlesen wird ein Gästebucheintrag, gefunden auf der Internetseite der Stadt Würzburg, in dem der Schreiber des Eintrags nach Tipps für die Einbürgerung in Würzburg fragt.
Die Idee, die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf Einzelpersonen zu betrachten und mit vergangenen Krisen zu vergleichen fand ich sehr interessant. Leider muss man schon einiges an Phantasie mitbringen, um dieses Thema im Hörbuch zu entdecken. Was die psychischen Krisen von Soldaten oder die Trennung von Anna damit zu tun haben, blieb mir bis zum Schluss unverständlich. Vielleicht war das Thema Krise auch weiter gedacht als im Pressetext angekündigt, allerdings kratzten die Beiträge dann nur an der Oberfläche, eine Festlegung auf ein bestimmtes Thema wäre in dem Fall sinnvoller gewesen.
Wer sich für die genannten Themen interessiert und nach dieser Rezension vielleicht auch mit anderen Erwartungen an das Hörbuch herangeht, kann vielleicht doch sein Vergnügen damit haben. Die Sprecher haben ihre Arbeit sehr gut gemacht, es macht trotz allem Spaß ihnen zuzuhören. Die historischen Dokumente fand ich auch sehr interessant, es hätten gerne mehr sein dürfen. Zu erwerben ist es entweder als Download auf der Seite von “jetzt und einst” oder in der Buchhandlung dreizehneinhalb.
Am 16. November 2010 stellte Clemens Tangerding in der Würzburger Stadtbücherei am Falkenhaus sein Hörbuch "Würzburg in der Zeit Napoleons" (Eine Reise aus der Vergangenheit in die Gegenwart - Eine Lesung aus historischen Quellen) vor. Ich durfte das Hörbuch vorab als Rezensionsexemplar schon hören.
Angekündigt wurde das Buch im Pressetext als eine Reise in die ...