Besprechungen Phantastik

Andreas Izquierdo – Apocalypsia

6. September 2010

Die Engel sind in Aufruhr. Ihr Vater liegt im Sterben, seine Macht wird immer schwächer. Was soll ohne ihn sein? Der Thron muss besetzt sein, sonst verschwindet die Schöpfung im Nichts. Luzifer befreit sich aus seinem Gefängnis und will die Nachfolge Gottes antreten. Für den Rat der Cherubim und Seraphim undenkbar. Doch gegen Luzifer können sie nicht bestehen. Ihre einzige Hoffnung ist die Ankunft eines ganz besonderen Engels, nur er kann sie gegen Luzifer führen. Doch als dieser Engel geboren wird, zweifeln sie. Er ist nicht vollkommen, wie Engel nun mal sind. Er weiß nicht, wie es Engel nun mal tun, denn sie sind alle von einem Blut und einem Geist. Er hinterfragt statt zu gehorchen, er hat Mitleid das Verlangen zu trösten. Er ist nicht im Einklang. Kann dieser Engel ihre Rettung sein? Die Apokalypse scheint unausweichlich. Während die Engel sich uneinig sind, wem sie folgen sollen, wird die Welt der Menschen Stück für Stück zerstört. Unerträgliche Hitze und eine Heuschreckenplage gehen schrecklichen Erdbeben voraus. Wird Luzifer siegen und die Menschheit vernichtet?

„Apocalypsia“ erinnerte mit seiner opulenten Sprache manches Mal an die riesigen Deckengemälde in Kirchen und Palästen. Izquierdo schreibt so bildgewaltig, dass es kaum möglich ist, sich der Geschichte zu entziehen. Hat man erst einmal angefangen zu lesen, taucht man in die Seiten ein und kann gar nicht anders, als immer weiter zu lesen. Die Spannung ist durchgehend hoch und schafft es immer noch, sich weiter zu steigern, bis sie am Ende ihren Höhepunkt erreicht. Wer zart besaitet ist, sollte vorsichtig sein, gegen Ende ertrinkt man regelrecht im Blut und watet durch Gliedmaßen und Eingeweide. Das blutbefleckte Cover wurde nicht grundlos so gestaltet.

Izquierdo hat viele Motive und Figuren verwendet, die auch in christlicher Lektüre eher unbedarften Lesern, wie mir, wohl bekannt sind. Aus verschiedenen Quellen hat er seine ganz eigene Geschichte der Apokalypse gewebt. Man muss sich nicht mit religiöser Literatur auskennen, um diesen Roman genießen zu können. Aber er macht Lust darauf zu recherchieren, welche Versionen und Geschichten es noch gibt. Was über die Cherubim und die Seraphim geschrieben steht, wie Luzifer an anderer Stelle dargestellt wird.

Luzifer war ein Charakter, der mich hier besonders beeindruckt hat. Er ist das Urböse an sich, aber er ist nicht nur böse. Auch er empfindet Mitleid und kann sowohl lieben als auch leiden. Ebenso wie selbst die höchsten Engel nicht frei von Zweifeln und Fehlern sind. Hier kämpft das Gute gegen das Böse, und doch gibt es nicht nur Schwarz und Weiß.

Wer Engelsbücher meidet, weil der Satz „Engel sind die neuen Vampire“ ihn eher abschrickt, sollte trotzdem mal einen Blick in Apocalypsia wagen. Mit dem, was den Vampirmarkt dominiert, hat dieses Werk überhaupt nichts gemeinsam. Diese Engel tragen weder Flügel noch sitzen sie Harfe spielend auf plüschigen Wolken. Sie sind geübte Kämpfer, die lieber das Schwert singen lassen als Engelschöre. Über die Apokalypse wurde schon viel geschrieben, es lohnt sich trotzdem, auch diese Version zu lesen. Denn sie begeistert mit ausgefeilten Charakteren und grandiosen Bildern, die einen auch dann nicht verlassen, wenn man das Buch letztendlich zuschlägt.

Apocalypsia – Andreas Izquierdo
624 Seiten, Rotbuch Verlag
ISBN 9783867891080, 24,95 €
Hardcover

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