Belletristik Besprechungen

Andrea Stoll – Der kalte Himmel

16. November 2011

 

Ein kleines Dorf im tiefsten Bayern gegen Ende der sechziger Jahre. Hier lebt die Hopfenbäuerin Mari mit ihrer Familie. Dass ihr Sohn etwas Besonderes ist, ahnt sie schon lange. Er meidet den direkten Blickkontakt, von Geburt an, legt keinen Wert auf körperliche Nähe und kommt mit anderen Kindern nicht zurecht. Lieber spielt er seine eigenen Spiele, in seiner ganz eigenen Welt. Das geht aber nur so lange gut, bis er eingeschult werden soll. Der Schularzt will Felix auf die Sonderschule schicken, weil er zurück geblieben sei. Doch Marie weiß, dass Felix nicht dumm ist. Er kann besser rechnen als sie. Sie kämpft für ihren Sohn, auch wenn sie sich dafür gegen das ganze Dorf stellen muss.

„Der kalte Himmel“ zeigt sehr deutlich, wie das Leben auf dem Dorf noch vor gar nicht langer Zeit aussah. Geprägt von verstaubten Grundsätzen, unflexibel und festgefahren in uralten Rollenmodellen. Wahrscheinlich findet man ähnliches noch heute in so manchem Dorf. Im krassen Gegensatz dazu wird das wilde Leben in Berlin 1968 gesetzt. Freiheit und Widerstand sind Marie bisher nie so begegnet wie hier. Die Zeit in der Großstadt verändert sie, lässt sie ihr Leben neu überdenken.

Autismus ist zu dieser Zeit eine kaum bekannte Krankheit. Kinder mit diesen Symptomen werden falsch diagnostiziert und erleiden grausame Fehlbehandlungen. Werden lieber still gestellt, als dass man versucht, einen Weg in ihre Welt zu finden. Marie kämpft mit einer Kraft um ihren Sohn, die nur eine Mutter aufbringen kann.

Ein in allen Facetten sehr berührender Roman, der ein eindrucksvolles Bild dieser Zeit malt. Leider bleibt es man manchen Stellen bei den Bildern. Man spürt, dass der Film vor dem Buch existierte. Beim Lesen zieht regelrecht ein Film vor dem inneren Auge vorbei. Die Tiefe, die man im Buch mit Hilfe von Hintergrundinformationen, Gedanken und Ähnlichem entstehen lassen könnte, fehlt allerdings oft.

Trotzdem ein Roman, den ich kaum mehr aus der Hand legte. Weil mich diese Zeit und ihre gelungene Darstellung fesselte. Wie nahe sich zwei vollkommen unterschiedliche Weltvorstellungen sein können. Und wie schwierig, sich plötzlich in einer gänzlich fremden Welt wieder zu finden. Sei es die Großstadt, oder die Welt eines autistischen Kindes.

Der kalte Himmel – Andrea Stoll
267 Seiten, Goldmann
ISBN 978342312825, 18,99 €
Hardcover

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