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Alex Rühle – Ohne Netz

25. Juli 2010

Alex Rühle ist Journalist bei der SZ und wagt das große Experiment: ein halbes Jahr ohne Internet. Keine Mails, kein Handy, kein Google, kein Youtube. Wer ihn erreichen will, muss es auf den altmodischen Weg tun, ihm einen Brief schreiben oder ihm faxen. Warum er das tut? Weil er das Gefühl hatte, vom Internet abhängig zu werden. Ständig mal eben schauen ob eine Mail rein kam, selbst im Urlaub. So sollte es nicht weiter gehen. Also kappte er alles und musste feststellen, dass es gar nicht mehr so einfach ist, ohne das allgegenwärtige Internet zurecht zu kommen.

Ein faszinierender Bericht darüber, wie es sich anfühlt, in der heutigen Zeit komplett auf Internet und Handy zu verzichten. Wie oft sieht man noch Telefonzellen? Das fällt einem erst auf wenn man eine sucht, weil man eben kein mobiles Telefon zur Hand hat. Von seinen Nachschlagewerken musste er erst einmal die Staubschicht pusten, weil es schon lange Gewohnheit war, schnell mal eben Google zu bemühen. Wer von uns kennt das nicht? Ohne die Unterstützung seiner Kollegen, die ihm wichtige Rundmails ausdruckten, hätte er dieses Experiment gar nicht durchführen können. Es war schon so schwer genug, sämtliche Recherchen mit Hilfe von Büchern, Bibliotheken und sonstigen „urzeitlichen“ Hilfsmitteln zu bewältigen. Dinge, die er sonst innerhalb kürzester Zeit im Internet recherchiert hätte, nahmen viel mehr Zeit in Anspruch. Eine rein analoge Welt ist doch oft um einiges anstrengender.

Aber eben auch ruhiger und intensiver. Die Internetwelt verleitet einen dazu, vieles nur noch oberflächlich wahr zu nehmen. Offline bekam er wieder viel intensiver mit, was um ihn herum geschah. So wäre er mit Handy in der Hand, mal eben die Mails nachschauen, sicher an dem Erpel vorbeigelaufen, den er so aus einer Drahtschlaufe retten konnte. Es kam zu interessanten Kontakten, die ihm sonst sicher entgangen wären, wie der Briefwechsel mit einem Strafgefangenen.

Alex Rühle hat ein lockeres, angenehm zu lesendes Tagebuch über diese Zeit geschrieben. Nie versucht er seine Leser zu missionieren, sie zu überzeugen ebenfalls seinen Weg einzuschlagen. Er schwankt selbst immer wieder mal und ändert seine Meinung über das Experiment von einem zum anderen Monat, wozu er auch steht. Das hat das Buch so nachvollziehbar und menschlich gemacht. Anekdoten über Erlebnisse mit seinen Kindern lockern das ganze immer wieder auf, auch wenn man sich schon über die beruflichen Analog-Probleme sehr gut amüsieren kann.

Ein Buch, das einen bei allem Unterhaltungswert auch nachdenklich macht. Ein Patentrezept findet auch Alex Rühle nicht. Aber nach der Lektüre, in der sich wohl jeder, der das Internet etwas intensiver nutzt, an mancher Stelle wieder erkennt, macht man sich so seine Gedanken über die eigene Nutzung dieser Technik.

Nachdenklich machend ohne erhobenen Zeigefinger, gleichzeitig sehr unterhaltsam, ich kann dieses Buch jedem empfehlen der sich auch schon mal überlegt hatte, ob er nicht vielleicht etwas zu oft im Internet unterwegs ist.

Ohne Netz – Alex Rühle
220 Seiten, Klett-Cotta
ISBN 9783608946178, 17,95 €
Hardcover

2 Kommentare

  • Antworten Ike 25. Juli 2010 von 15:22

    Was ist denn jetzt das Fazit? Hat er sich wohl gefühlt damit, ging es ihm besser?

    Nach deiner Rezension hört es sich nicht so an, als müsste man das Buch unbedingt lesen. Denn die Probleme, die sich ohne Internet ergeben, kann ich mir auch so vorstellen – bzw. es reichen ja schon ein paar Tage Eigenversuch. Nutzt der Autor also mehr die aktuelle Popularität des Themas an sich, um damit Geld zu machen?

    • Antworten Emily 25. Juli 2010 von 20:32

      @Ike: das Wohlfühlen schwankte, mal ja, mal hat er sich für das Experiment selbst verflucht. Er hat anschließend beschlossen sein Surfverhalten auf jeden Fall zu ändern, aber natürlich nicht offline zu bleiben. Ist als Journalist ja auch schwierig.

      Unbedingt lesen muss man überhaupt kein Buch. Das Experiment hat er im Dezember letzten Jahres angefangen. Mir ist die Popularität des Themas jetzt erst bewusst geworden, vielleicht habe ich das vorher aber auch nicht so wahr genommen. Geld verdienen will jeder, sicher auch der Autor. Aber ich hatte wirklich das Gefühl, dass er den Leser einfach an seinem Experiment teil haben lassen will, auch für sich mit Hilfe des Tagebuches stärker reflektieren will. Und selbst wenn er nur Geld verdienen will, ich habe schon viele Bücher gelesen, die ihr Geld weniger wert gewesen wären als dieses. 😉

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