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Krystyna Kuhn – Das Spiel (Das Tal Season 1.1)

TalSpiel

„Das Spiel“ ist der Auftakt einer neuen Thriller-Reihe aus dem Arena Verlag. Die folgenden drei Bände, alle noch zu Season 1 gehörend, sind schon angekündigt. Alle drei Monate soll ein neuer Band erscheinen. Die Nummerierung spricht dafür, dass es auch noch eine Season 2 geben wird, lassen wir uns überraschen.

Das Tal von dem hier berichtet wird, liegt gut versteckt und nur schwer zugänglich in den kanadischen Rocky Mountains. In diesem Tal befindet sich neben dem sagenumwobenen Spiegelsee auch das Grace College, eine Schule für Hochbegabte. Julia und Robert kommen neu an diese Schule. Doch schon in der ersten Nacht spürt Robert deutlich „dieser Ort ist böse!“ Nur wenige Tage später scheint sich sein Gefühl zu bestätigen. Ein Mädchen springt in den See und taucht nicht wieder auf. Ein Unfall? Oder hatte jemand einen Grund ihr etwas anzutun? Oder hängt doch alles mit dem geheimnisvollen See zusammen, ganz geheuer geht es in diesem Tal nämlich wirklich nicht zu.

„Das Spiel“ lässt sich eigentlich mit einem Wort beschreiben: Spannend! Von der ersten Seite an konnte ich es kaum mehr weglegen. Was auch erklärt, warum ich es in gerade mal zwei Tagen durchgelesen hatte. Hätte ich nicht arbeiten müssen, wäre es an einem Tag verschlungen worden. Der Leser wird sofort mit verschiedenen Geheimnissen konfrontiert. Nicht nur das Tal an sich ist unheimlich und merkwürdig, auch die Vergangenheit von Julia und ihrem Bruder wird anfangs nur angedeutet. Erst nach und nach erfährt man mehr von ihnen. Ebenso erzählen ihre Mitschüler nicht gerade offen aus ihrer Vergangenheit. Man lauert ständig auf neue Informationen, die man in so geschickten Dosen präsentiert bekommt, dass es immer spannender wird.

Da es der erste Band einer Reihe ist, werden natürlich noch lange nicht alle Rätsel am Ende aufgelöst, doch gerade genügend, um den Leser zu befriedigen. Ihn aber trotzdem noch ungeduldig auf den nächsten Band warten zu lassen.

Ein extrem spannender Jugend-Thriller, nebenbei noch in schöner Aufmachung. Wenn die Bände später mal alle in meinem Regal stehen, weil ich garantiert jeden neuen Band so schnell wie möglich lesen will, werden sie auch noch richtig toll aussehen. Teil zwei, „Die Katastrophe“, erscheint im August. Ich kann es kaum erwarten.

Das Spiel (Das Tal Season 1.1) – Krystyna Kuhn
298 Seiten, Arena
ISBN 9783401064727, 9,95 €
Klappenbroschur

[Gastbeitrag] Harry Rowohlt las in Würzburg

Am 4. Mai 2010 war Harry Rowohlt im Würzburger Luisengarten zu Gast. Leider hatte ich es erst zu spät mitbekommen, da waren die Karten schon längst alle vergeben. Aber wozu gibt es einen Blogger- und Twitterstammtisch. Kaum eine Veranstaltung, auf der nicht irgendwer  von den Mitgliedern zu Besuch ist. Netterweise haben sich zwei davon bereit erklärt, euch von diesem Abend zu erzählen. Die folgenden Berichte stammen von Tanja, die auf  Anonymous Drama Queens bloggt und Nils, der zwar (noch) keinen Blog hat, aber fleißig twittert.

HarryRowohlt

Foto mit freundlicher Genehmigung von haenson photography


[Tanja] Harry Rowohlt in Würzburg – eine Drama Queen war dabei

Harry Rowohlt raucht, aber er säuft nicht mehr. Erstes Gelächter gab es bereits als er sich von der Tür des Saales auf den Weg zur Bühne machte. Ich saß neben meinem skeptischen Begleiter, der von Harry Rowohlt noch nie etwas gehört hatte (was ziemlich selten ist) und der ihn auch nicht so witzig fand wie ich. Darüber musste ich nachdenken.

Harry Rowohlt ist ein ausschweifender Vorleser, ein Profi auf der Bühne, ein exzellenter Vorleser, ein grandioser Sänger (auch wenn er nuschelt); er hat das Erinnerungsvermögen von mindestens 10 Elefanten. In zweieinhalb Stunden haute er, neben der gekonnten Lesung seiner neuesten, noch nicht veröffentlichten Übersetzung (Andy Stanton, You’re a Bad Man, Mr. Gum – Patmos) und einiger Texte (aus Pooh’s Corner und verschiedene Gedichte), uns circa 50 Jahre Literatur- und auch deutsche Geschichte um die Ohren, in Anmerkungen, in Ausschweifungen, die manchmal auch sein privates Leben streiften. Wie konnte er sich nur all diese Menschen, denen er begegnet ist, merken? Er geht offen damit um, dass er seit 2007 an Polyneuropathie leidet und dass er deshalb keinen Alkohol mehr trinkt (und für eine Weile auch nicht mehr aufgetreten ist). Darum ist die Veranstaltung nicht mehr ganz so ausschweifend wie früher. Aber noch genügend abschweifend, fast wie gewohnt. Er schüttelt die Veranstaltung mit Nonchalance aus dem Ärmel. Was er auch macht, sein Publikum liebt ihn. Selbst als er in seiner Stofftasche nach einem Nasenspray wühlt wird gelacht. Als ich mir eine Signatur für die Pu der Bär-CDs hole, frage ich ihn, wie es ihm geht. Er antwortet: „Warum?“ Mir fiel dummerweise keine schlaue Erwiderung ein. Aber genau das muss man bei ihm sein. Schlau.

Harry Rowohlt ist nun 65 Jahre alt, seine Show hat sich verändert. Als ich ihn vor etwa 8 oder 9 Jahren in München als junge Studentin erlebt habe (im Literaturhaus, ich habe vergessen, welche Lesung es war, ein Autor war auch anwesend, aber eigentlich war er egal, alle wollten Harry Rowohlt sehen), war der gute, alte Whisky noch mit von der Partie. Unvergessen: die Darbietung der amerikanischen B-Hymne – ein Klassiker. Auch diesmal hat er sie gesungen, wenn auch mit anderer Verve als damals.

Harry Rowohlt ist ein Routinier und bietet auch unter veränderten Voraussetzungen seinen Zuhörern einen wunderbaren Abend. Er hat sich verändert und verheimlicht dies nicht. Auf der Bühne geht er offen mit seinen abgelegten Gewohnheiten um. Herr Rowohlt zeigt so viel von sich selbst, wie er möchte. Manchmal hat man den Eindruck, das könnte der private Harry sein, der da durchblitzt. Sein Publikum hat er genau im Griff: Er gibt ohne Kinkerlitzchen eine „unerbetene Zugabe“, weil er das ansonsten übliche Tamtam am Ende einer Show verabscheut, danach ist Schluss. Das Publikum ging ohne Widerrede.

Das Großartige an Harry Rowohlt ist, dass er keinen Respekt vom Publikum erwartet. Er will auch kein Mitgefühl oder Mitleid wegen seiner Krankheit. Er hat das nicht nötig. Man könnte ihn zu Recht einen arroganten, alten Bastard schimpfen. Trotzdem verdient er das, was er nicht erwartet; denn wenn er nicht so zäh wäre, wie er ist, würde er vielleicht nicht mehr auftreten (was er seit 2009 aber wieder macht, Termine: www.harryrowohlt.com) und wir würden einen spannenden, querulantigen Ausnahme-Menschen verpassen.

Mein skeptischer Begleiter war von Harry Rowohlt angetan und hat ihm aufmerksam zugehört. Ich war von meiner Erwartung, den alten „Party-Harry“ zu sehen, abgelenkt und muss deshalb noch einmal dringend zu einer Lesung gehen.

Harry2

Foto mit freundlicher Genehmigung von haenson photography


[Nils] Spiel’s noch einmal, Harry

Das Telefon klingelte. Ob ich nicht Lust hätte mit zu einer Lesung von Harry Rowohlt zu kommen, es wäre noch eine Karte übrig. Wird auch bestimmt voll lustig. Aha. Harry Rowohlt sagte mir so spontan mal gar nichts. Er hat also Bücher übersetzt, Hörbücher vertont und vor allem hatte er seine Finger (und Stimme) in der deutschen Übersetzung von Pu dem Bären. Nach ein paar gesichteten Livemitschnitten auf einschlägigen Videoplattformen, war ich der Meinung, man solle diesem urigen alten Zottelbart eine Chance geben.

Eben diesen Zottelbart erkenne ich dann auch lange vor Beginn der Veranstaltung außerhalb des Gebäudes… mit Zigarette im Mund. Immer wieder klopfen ihm Menschen auf die Schulter, sprechen ihn an, halten einen kleinen Plausch. Der Star zum Anfassen also. Ich habe nichts zu reden. Ich bugsiere mich mit meiner Begleitung zum Ort des späteren Geschehens. Großer Raum, viele Stühle, hier werden sehr viele Menschen erwartet. Und sie kamen. Alle. Ein Mensch, mir völlig unbekannt, führte zu einem mittleren Aufmarsch. Das Publikum war seltsam gemischt, Schlipsträger neben Weihnachtsmann, Rentner neben Studi. Ich war gespannt.

Recht pünktlich kam Harry Rowohlt unter lautem Applaus auf die Bühne. Er erzählte vor sich hin wie es jeder von uns auch im Familienkreis täte. Er erzählte, was er heute Abend mit uns vorhätte, dass es um exakt 21.13 Uhr eine kleine Pause gäbe, und dass es ihm für diese um 21.12 Uhr definitiv noch zu früh wäre. Schallendes Gelächter antwortete aus dem Publikumsraum auf diese Bemerkung. Da wurde mir langsam klar, wohin diese Reise gehen würde. Nein, Harry Rowohlt musste sich nicht vorstellen, alle Menschen waren an diesem Abend nur dafür da ihn zu sehen, ihn zu hören und ihn zu erleben. Genau in diesem Stil setzte sich der Abend fort, er lass von ihm übersetzte Texte, nie um Anekdoten rechts und links vom Programmwege verlegen. Er erzählte von der Arbeit hinter dem Buchcover, und er erzählte frei aus seinem Leben, seine neu entdeckte Nervenkrankheit wurde angesprochen und seine Begegnungen mit bekannten Personen im Laufe seiner Berufslaufbahn wurden thematisiert. Mich beeindruckte seine Stimme in seinen kurzen Gesangspassagen und mich beeindruckten seine Wortgewand und -sicherheit. Seine Scherze trafen genau dort, wohin sie gezielt hatten, und jede Formulierung forderte die volle Aufmerksamkeit der Zuhörer. Ja, ich hatte meinen Spaß an diesem Abend. Spaß an den Eigenarten der Erzählungen dieses Mannes, den ich doch gerade erst kennen gelernt hatte.

Die Faszination vieler Veranstaltungen wird durch das Gemeinschaftsgefühl erzeugt. Mit tausenden anderen Fans die Texte der Lieblingssongs auf Konzerten singen, unhörbar, aber doch dauerhaft präsent. Gemeinsam mit einem gut gefüllten Saal laut lachen, oder leise im Sitz versinken beim politischen Kabarett. Von Sportveranstaltungen muss ich wohl gar nicht erst erzählen, dieses Schwarmgefühl, dieses Auflösen in der Gruppe haben wir alle bereits erlebt. Auch bei Harry Rowohlt wurde viel und laut gelacht. Nur leider waren wir nicht im Kabarett oder bei einer Stand up Comedy Show. Harry Rowohlt erntete Lacher für Nichtigkeiten. Er füllte sich neues Wasser in sein Glas, man lachte. Er juckte sich an der Nase, man lachte. Er suchte ein Nasenspray in seinem mitgebrachten Beutel, drei Plätze rechts von mir wäre ein Herr fast vom Sitz gefallen. Gerade beim “andauernden Suchen eines Gegenstandes in der mitgebrachten Tasche zusehen” kennen wir Männer uns doch aus. Bevorzugt passiert dies an der Supermarktkasse, an der zumeist weibliche Mitmenschen, doch immer wieder vom, auf Bezahlung wartenden, Kassenpersonal überrascht werden. Ich hatte noch nie das Bedürfnis in dieser Situation zu lachen, ich überlegte mir eher welchen Gegenstand in meinem Einkaufswagen ich denn entbehren könnte, um mit ihm die Ursache dieses Fließbandstaus zu malträtieren.

Harry Rowohlt ist ein Personenkult geworden, der sich außenstehenden, sprich mir, nur noch schwer erschließt. Der Mann ist gut in dem, was er tut. Er unterhält über Stunden mit vielschichtigen Geschichten und Erzählungen, vorgetragen auf eine ganz eigene, schrullige Art. Für mich, dessen Helden auf die Namen Hironobu Sakaguchi (Designer), Sven Friedrich (Songwriter und Sänger), Hideaki Anno (Regisseur) und vielleicht Todd McFarlane (Autor und Zeichner) hören, war dieser Abend zudem auch noch eine Einführung in die Entertainmentwelt der Belesenen. Nicht falsch verstehen, auch ich bin ein Jünger der Worte und lese einiges, jedoch endet mein Interesse für gedruckte Buchstaben knapp hinter den Seiten der c’t. Somit bleibt mir nur der kurze Blick auf eine Person, die für die meisten Zuhörer mehr zu sein schien, als nur das gerade erlebbare, eine Figur die auch von ihrem bereits langen Werdegang in der Öffentlichkeit zehrt. Harry Rowohlt könnte sich vermutlich ohne weiteres drei Stunden auf eine Bühne setzen, starr in die Luft blicken, kein Wort sagen und das Publikum wäre nicht verärgert Eintritt gezahlt zu haben. Dieses Phänomen gibt es definitiv nicht nur bei diesem Mann, und dennoch wäre vermutlich die ein oder andere 14 jährige Tochter beschämt ob ihres laut gackerten und grölenden Vaters gewesen.

Konkurrenz für Limit

“Limit” von Frank Schätzing geht in die erste Pause. Dass ich diesen Brocken von einem Buch (1300 eng bedruckte Seiten) wohl nicht am Stück lesen würde, war mir von Anfang an klar. Auch wenn es sehr gut ist, ich mag Schätzings Detailverliebtheit. Woran er alles denkt, das ist unglaublich. Aber heute sind zwei Neulinge eingezogen, die nicht warten wollen, bis ich mich durch die letzten 1000 Seiten gekämpft habe.

Zum einen bin ich der Werbung erlegen und habe mir “Das Tal Season 1.1 Das Spiel” von Krystyna Kuhn aus dem Arena Verlag zugelegt. Was ich auch ganz sicher nicht bereuen werde. Julia und ihr Bruder Robert sind neu auf dem Grace-College, das verborgen mitten in den kanadischen Bergen liegt. Noch in der ersten Nacht stellt Robert fest “Dieser Ort ist böse”. Und wirklich scheint das Tal alles andere als normal zu sein…
Ich habe den Fehler gemacht, mit dem Buch beim Abendessen zu beginnen. Die komplette Abendplanung hatte sich damit erledigt, nach 120 Seiten konnte ich mich nur schwer wieder davon los reißen. Wahrscheinlich werde ich gleich damit im Lesesessel landen und ungeachtet aller Vernunft bis zum Ende durch lesen. Ein Wort reicht um es zu beschreiben: Spannend!

Auf den zweiten Neuling freue ich mich auch schon sehr, ich konnte heute das Rezensionsexemplar von Polly Shulmans “Die geheime Sammlung” von der Post abholen. Vielen Dank an den Pan-Verlag! Das Cover ist eine Augenweide, aber das ist bei Büchern aus dem Pan-Verlag ja keine Seltenheit. Dank Reliefprägung fühlt es sich auch noch wunderbar an, ein Grund ausnahmsweise den Schutzumschlag beim Lesen an Ort und Stelle zu lassen. Es handelt von alten Märchen, in denen vielleicht doch ein wenig mehr als nur ein Körnchen Wahrheit steckt. Ich freue mich schon sehr darauf, mich am Wochenende in dieses Buch vertiefen zu können. Da das Wochenende für mich diesmal schon am Donnerstag beginnt, muss ich nicht mehr lange warten.

Arne Dahl – Ungeschoren

Ungeschoren

„Ungeschoren“ ist inzwischen schon der sechste Band um das Ermittlerteam der A-Gruppe. Dieses Mal haben sich personell einige Veränderungen ergeben. Trotzdem werden die Leser keinen der altbekannten Truppe vermissen. Unter einer neuen Leitung müssen sich die Mitglieder der A-Gruppe gleich mit vier verschiedenen Morden beschäftigen. Zu jedem Mord gibt es einen Tatverdächtigen, teilweise sind diese auch geständig. Doch irgendetwas stimmt nicht. Hängen die Morde vielleicht doch zusammen? Und was haben alle diese Fälle mit der demnächst bevorstehenden Mittsommernacht zu tun? Oder Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“? Wieder einmal wird viel Kombinationsgabe gefordert.

Wie alle vorherigen Bücher von Arne Dahl gefiel mir dieses wieder sehr gut. Auch wenn es inzwischen ziemlich lange dauert, alle Charaktere einzuführen, damit auch Quereinsteiger keine Probleme haben der Handlung zu folgen. Um die feinen Hinweise zu verstehen, würde ich auf jeden Fall raten, die Reihe mit „Misterioso“ beginnend in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Wie schon im letzten Band, „Rosenrot“, sind einige der Ermittler persönlich von dem Fall betroffen. Was die Spannung in diesem Fall ziemlich steigert. Die leicht mystischen Elemente der Mittsommernacht hätte es meiner Meinung nach nicht unbedingt gebraucht. Aber sie stören auch nicht.

Wem die bisherigen Fälle der A-Gruppe gefallen haben, der kann auch bedenkenlos zu „Ungeschoren“ greifen. Ich warte jetzt sehnsüchtig auf die Taschenbuchausgabe von „Totenmesse“, dem siebten Band.

Ungeschoren – Arne Dahl
416 Seiten, Piper
ISBN 9783492253093, 8,95 €
Taschenbuch

Jetzt auch auf Facebook

Wer gerne über neue Beiträge informiert werden möchte, hat jetzt eine weitere Möglichkeit dazu. Einfach auf Facebook ein Fan von Papiergeflüster werden. ;)

Zwischendurch werde ich dort auch mal Beiträge schreiben, die für einen Blogeintrag zu wenig, für einen Tweet aber zu lang sind. Auf Twitter bin ich als @buchgefluester zu finden, Papiergeflüster war leider um ein Zeichen zu lang.

Keith Harrison – Du bist (eigentlich) ein Fisch

eigentlich Fisch

In den ersten Kapiteln erläutert Keith Harrison die Evolution, sowohl deren Anfänge anhand Darwins Theorie als auch den aktuellen Stand mit einer kurzen Erklärung der Genetik und der Evolution in der Praxis. Anschließend verfolgt er die Entwicklung des Menschen, beginnend bei den Fischen. Über Amphibien, Reptilien, Säugetiere und Primaten hinweg zu den Hominiden werden von jedem Entwicklungsschritt die Folgen für den aktuellen „Bauplan“ des Homo sapiens sapiens erläutert. Im letzten Kapitel gibt er einen Ausblick auf eine mögliche Weiterentwicklung des menschlichen Körpers.

Die ersten allgemeinen Kapitel über Evolution im Allgemeinen sind eher für Leser interessant, die sich bis dahin nicht näher mit dem Thema befasst haben. Das meiste hat man doch schon einmal gehört, eine kleine Auffrischung war aber auch ganz angenehm.

In den Kapiteln über die verschiedenen Entwicklungsstufen gab es viele „Aha!“ Momente. Oft wurden Fragen geklärt, über die ich mir ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht hatte. Zum Beispiel warum wir Ellenbogen und Knie in unterschiedliche Richtungen beugen. Oder die unterschiedliche Anzahl von Gelenken an Daumen im Vergleich zum Rest der Finger. Oft saß ich da und „testete“ verschiedene Gelenke und Muskeln.

Die Erklärungen sind anschaulich und leicht verständlich geschrieben, auch Nicht-Naturwissenschaftler sollten keine Probleme mit dem Verständnis haben. Gleichzeitig findet sich immer wieder eine nette Portion Humor, der die Lektüre umso angenehmer und lockerer macht. Es ist kein trockenes Lehrbuch, und gibt doch einen guten Überblick über die Entwicklung des Körpers zu seiner heutigen Form.

Es findet sich auch ein Kapitel zur Intelligenz, und der Frage, ob der Mensch wirklich die intelligenteste Lebensform ist. Harrison schreibt dazu: „Ein Hund ist so klug, wie ein Hund in seiner Welt zu sein hat, und ein Wal ist so klug, wie er in seiner Welt zu sein hat. Sie haben sich für verschiedene Lebensformen in unterschiedlichen Umgebungen entwickelt. Sie zu vergleichen, ist unzulässig, und dies zu versuchen, offenbart ein mangelndes Verständnis der Evolution und letztlich der Natur.“

Wir unterscheiden uns von anderen Spezies dadurch, dass wir nicht ein eine enge biologische Nische gedrängt leben. Letztendlich haben aber alle anderen heute lebenden Spezies eine genauso lange Entwicklungsgeschichte wie wir auch und sollten von daher nicht niedriger geschätzt werden als der Mensch. Wir sind nicht die Krone der Evolution, sondern nur einer von vielen Ästen.

Ein tolles Buch, das ich jedem empfehlen kann, der sich für Evolution interessiert.

Du bist (eigentlich) ein Fisch: Die erstaunliche Abstammungsgeschichte des Menschen – Keith Harrison
204 Seiten, Spektrum Akademischer Verlag
ISBN: 9783827420091, 14,95 €

Deutscher Phantastik Preis 2010

Es geht wieder los, heute startet die Vorrunde zum Deutschen Phantastik Preis. Das besondere an diesem Preis ist, dass ihr die Preisträger nominieren und wählen dürft. Noch bis zum 27.06.2010 läuft die Vorrunde, vom 10.07.2010 bis 31.08.2010 findet dann die Hauptrunde statt. Die Preisverleihung erfolgt im Herbst, am 09.10.2010 auf dem Buchmesse-Con in Dreieich bei Frankfurt.

Hier könnt ihr euch an der Nominierung beteiligen.

Limit – Ich bin dann mal beschäftigt

Der Großteil meines Nach-der-Prüfung-endlich-lesen-Stapels ist abgelesen, also habe ich mich jetzt an den größten Brocken davon gewagt:  “Limit” von Frank Schätzing. Mit 1300 Seiten wird er mich wohl eine Weile beschäftigen. “Der Schwarm” gefiel mir damals sehr gut, auf den ersten 50 Seiten hatte ich auch sofort wieder Spaß mit Schätzings Schreibstil. Manch anderem Leser ist er zu ausufernd, aber ich finde es toll, wie er auf die kleinsten Details achtet. Nur dass die Personenvorstellung jetzt schon über 50 Seiten andauert müsste doch nicht sein. Spätestens in der Hälfte des Buches lässt er sie bestimmt sowieso wieder über den Jordan gehen. Oder in diesem Fall über den Jupiter?

Trotzdem wird es hier nicht ganz ruhig werden. Da mir der Brocken zu schwer ist, um ihn durch die Gegend zu tragen, gibt es natürlich noch Zwischendurchlektüre. Aktuell begleitet mich “Nicht so schlimm” von Nicolas Fargues in der Mittagspause. Wobei ich mir noch nicht so sicher bin, ob das Gejammere eines betrogenen Betrügers nicht vielleicht doch schlimm ist. Muss ich mich wundern, dass meine Frau mich betrügt wenn ich sie betrüge, sie deshalb gleich nochmal betrügen und mir ach so betrogen vorkommen?

Oliver Plaschka – Die Magier von Montparnasse

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Paris, 1926, im Gasthaus „Jardin“ wohnen unter anderem auch der Magier Ravi und seine Assistentin Blanche. Bei ihrer letzten Vorstellung im Varieté geschieht ein Unglück, der Mechanismus eines Zauberutensils funktioniert nicht, Ravi kann Blanches Leben nur retten, in dem er echte Magie anwendet. Doch damit verstößt er gegen die Regeln der Société Silencieuse. Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen, schon bald wird er von deren Vertretern aufgesucht. Aber noch viel unheimlicher als diese Besucher ist die Tatsache, dass von nun an ständig Sonntag ist. Niemand weiß, warum sich der Tag ständig wiederholt. Hängt es mit dem geheimnisvollen Zauber zusammen, der Blanche in einen Schneewittchen-Schlaf fallen lies?

Oliver Plaschka schafft in „Die Magier von Montparnasse“ eine zauberhafte Atmosphäre, die mich an den Film “Prestige” erinnerte. Die Beschreibungen des „Jardin“ versetzen den Leser in das Paris der 20er Jahre, man meint fast den Duft der Croissants zu riechen, die von der Bedienung Justine zum Frühstück serviert werden. Gleichzeitig ist der Roman ein einziges großes Rätsel, denn auch die Protagonisten wissen nicht, wieso sich dieser eine Tag ständig wiederholt und sind auf der Suche nach der Lösung. Die ständige Wiederholung tut der Welt nicht gut, sie verliert an Farbe und Energie, alles wird trüb und trübsinnig.

Die Geschichte wird aus der Perspektive von sieben verschiedenen Personen erzählt, wobei die Bedienung Justine eine herausragende Rolle spielt. Nicht nur, weil sie scheinbar nicht ganz so fest an die Wiederholung gebunden ist wie andere. Ist sie die Lösung des Rätsels? Durch die Perspektivenwechsel bleibt die Handlung sehr abwechslungsreich. Es ist interessant, selbst ähnliche Handlungsabläufe aus gänzlich anderer Sicht betrachtet zu sehen. Interessant war auch das Spiel mit den Möglichkeiten, selbst kleine Abweichungen im Handeln können zu gänzlich anderen Ergebnissen führen.

Es fällt mir schwer, den Zauber des Buches in Worte zu fassen. „Die Magier von Montparnasse“ ist keine leichte Unterhaltungsliteratur, es läd zum miträtseln und mitdenken ein, vieles geschieht in Träumen oder wird in Bildern dargestellt. Es ist keine klassische Fantasy, in einem Interview auf Fantasyguide bezeichnete Oliver Plaschka das Buch als „urban fantasy vor einem historischen Hintergrund”, der Interviewer als “magisch-realistisches Kammerspiel”. Wie auch immer man das Buch einordnen möchte, eines ist es ganz sicher: fantastisch.

Die Magier von Montparnasse – Oliver Plaschka
428 SEiten, Klett-Cotta Hobbit Presse
ISBN 9783608938746, 21,90 €
Hardcover

Brom – Der Kinderdieb

Kinderdieb

Peter ist immer auf der Suche nach verlorenen Kindern. Sklaven, Ausreißer, Missbrauchte, wer in seinem Leben keine Perspektive mehr hat findet bei Peter ein neues Zuhause und eine Aufgabe. Er nimmt sie mit nach Avalon, wo sie mit ihm zusammen um das Bestehen der Insel kämpfen. Denn nicht nur die verlorenen Kinder und verschiedenste Feenwesen leben hier, auch die Fleischfresser nennen die Insel ihre Heimat und kämpfen verbittert um jeden Zentimeter Land. Wobei sie sich auch nicht davon abhalten lassen, dass die Insel dank ihnen langsam aber sicher stirbt. Peter und seine Armee kämpfen für die Hüterin der Insel, die Dame Modron. Haben sie eine Chance die Insel und ihre Magie zu retten?

„Der Kinderdieb“ ist mein bisheriges Lesehighlight für dieses Jahr und es wird nur schwer von diesem Platz zu vertreiben sein. Es erzählt die Geschichte von Peter Pan, aber anders als man sie heute meistens kennt. Der Autor hatte die ursprüngliche Fassung von James Barries „Peter Pan“ gelesen und darin viele düstere Stellen gefunden, die in den kindergerechteren Versionen so nicht mehr vorkamen. Zusammen mit verschiedenen schottischen Mythen und Legenden und einem Schuss aus der Hexenjagd von Salem hat er eine neue Geschichte geschaffen, die wirklich düster ist. Dieser Peter hier würde alles tun was nötig ist, um die Dame Modron und damit Avalon zu schützen. Wirklich alles. Er geht dabei oft genug über Leichen.

Die Schilderungen im Buch sind oft grausam, aber nie unnötig brutal. Brom ergötzt sich nicht an blutigen Schlachten, aber er schildert die Kämpfe ungeschönt. Das Buch handelt von Freundschaft, von Treue, von Ergebenheit und Loyalität genauso wie von Verblendung und ihren fatalen Folgen.

Besonders gut gefiel mir, dass es keine Guten und Bösen im eigentlichen Sinne gibt. Anfangs scheint die Einteilung noch recht klar, mit der Zeit bekommen aber die lichten Charaktere immer mehr dunkle Flecken, die „Bösen“ zeigen teilweise mehr Mitgefühl und andere positive Charakterzüge als die „Guten“.

Die wunderbaren Illustrationen des Autors bereichern das Buch noch. Am Anfang jedes Kapitels findet sich ein Bild, das eine Szene des kommenden Kapitels zeigt. In der Mitte des Buches finden sich Abbildungen der wichtigsten Charakteer. Schon das einfach nur schöne Cover lässt ahnen, welche Schätze sich dahinter noch verbergen. Wobei den Zeichnungen wohl auch zu gute kommt, dass der Autor selbst auch der Illustrator ist, wer sonst könnte seine Charaktere so treffsicher darstellen.

Wer bisher noch überlegt hat, ob er sich das Buch zulegen soll: tut es. Es lohnt sich. Und beginnt erst mit dem Lesen, wenn ihr auch etwas Zeit dafür habt. Spätestens ab der Hälfte möchte man es einfach nur noch am Stück weglesen.


Der Kinderdieb – Brom
655 Seiten, Pan Verlag
ISBN 9783426283295, 16,95 €
Hardcover