Am 4. Mai 2010 war Harry Rowohlt im Würzburger Luisengarten zu Gast. Leider hatte ich es erst zu spät mitbekommen, da waren die Karten schon längst alle vergeben. Aber wozu gibt es einen Blogger- und Twitterstammtisch. Kaum eine Veranstaltung, auf der nicht irgendwer von den Mitgliedern zu Besuch ist. Netterweise haben sich zwei davon bereit erklärt, euch von diesem Abend zu erzählen. Die folgenden Berichte stammen von Tanja, die auf Anonymous Drama Queens bloggt und Nils, der zwar (noch) keinen Blog hat, aber fleißig twittert.

Foto mit freundlicher Genehmigung von haenson photography
[Tanja] Harry Rowohlt in Würzburg – eine Drama Queen war dabei
Harry Rowohlt raucht, aber er säuft nicht mehr. Erstes Gelächter gab es bereits als er sich von der Tür des Saales auf den Weg zur Bühne machte. Ich saß neben meinem skeptischen Begleiter, der von Harry Rowohlt noch nie etwas gehört hatte (was ziemlich selten ist) und der ihn auch nicht so witzig fand wie ich. Darüber musste ich nachdenken.
Harry Rowohlt ist ein ausschweifender Vorleser, ein Profi auf der Bühne, ein exzellenter Vorleser, ein grandioser Sänger (auch wenn er nuschelt); er hat das Erinnerungsvermögen von mindestens 10 Elefanten. In zweieinhalb Stunden haute er, neben der gekonnten Lesung seiner neuesten, noch nicht veröffentlichten Übersetzung (Andy Stanton, You’re a Bad Man, Mr. Gum – Patmos) und einiger Texte (aus Pooh’s Corner und verschiedene Gedichte), uns circa 50 Jahre Literatur- und auch deutsche Geschichte um die Ohren, in Anmerkungen, in Ausschweifungen, die manchmal auch sein privates Leben streiften. Wie konnte er sich nur all diese Menschen, denen er begegnet ist, merken? Er geht offen damit um, dass er seit 2007 an Polyneuropathie leidet und dass er deshalb keinen Alkohol mehr trinkt (und für eine Weile auch nicht mehr aufgetreten ist). Darum ist die Veranstaltung nicht mehr ganz so ausschweifend wie früher. Aber noch genügend abschweifend, fast wie gewohnt. Er schüttelt die Veranstaltung mit Nonchalance aus dem Ärmel. Was er auch macht, sein Publikum liebt ihn. Selbst als er in seiner Stofftasche nach einem Nasenspray wühlt wird gelacht. Als ich mir eine Signatur für die Pu der Bär-CDs hole, frage ich ihn, wie es ihm geht. Er antwortet: „Warum?“ Mir fiel dummerweise keine schlaue Erwiderung ein. Aber genau das muss man bei ihm sein. Schlau.
Harry Rowohlt ist nun 65 Jahre alt, seine Show hat sich verändert. Als ich ihn vor etwa 8 oder 9 Jahren in München als junge Studentin erlebt habe (im Literaturhaus, ich habe vergessen, welche Lesung es war, ein Autor war auch anwesend, aber eigentlich war er egal, alle wollten Harry Rowohlt sehen), war der gute, alte Whisky noch mit von der Partie. Unvergessen: die Darbietung der amerikanischen B-Hymne – ein Klassiker. Auch diesmal hat er sie gesungen, wenn auch mit anderer Verve als damals.
Harry Rowohlt ist ein Routinier und bietet auch unter veränderten Voraussetzungen seinen Zuhörern einen wunderbaren Abend. Er hat sich verändert und verheimlicht dies nicht. Auf der Bühne geht er offen mit seinen abgelegten Gewohnheiten um. Herr Rowohlt zeigt so viel von sich selbst, wie er möchte. Manchmal hat man den Eindruck, das könnte der private Harry sein, der da durchblitzt. Sein Publikum hat er genau im Griff: Er gibt ohne Kinkerlitzchen eine „unerbetene Zugabe“, weil er das ansonsten übliche Tamtam am Ende einer Show verabscheut, danach ist Schluss. Das Publikum ging ohne Widerrede.
Das Großartige an Harry Rowohlt ist, dass er keinen Respekt vom Publikum erwartet. Er will auch kein Mitgefühl oder Mitleid wegen seiner Krankheit. Er hat das nicht nötig. Man könnte ihn zu Recht einen arroganten, alten Bastard schimpfen. Trotzdem verdient er das, was er nicht erwartet; denn wenn er nicht so zäh wäre, wie er ist, würde er vielleicht nicht mehr auftreten (was er seit 2009 aber wieder macht, Termine: www.harryrowohlt.com) und wir würden einen spannenden, querulantigen Ausnahme-Menschen verpassen.
Mein skeptischer Begleiter war von Harry Rowohlt angetan und hat ihm aufmerksam zugehört. Ich war von meiner Erwartung, den alten „Party-Harry“ zu sehen, abgelenkt und muss deshalb noch einmal dringend zu einer Lesung gehen.

Foto mit freundlicher Genehmigung von haenson photography
[Nils] Spiel’s noch einmal, Harry
Das Telefon klingelte. Ob ich nicht Lust hätte mit zu einer Lesung von Harry Rowohlt zu kommen, es wäre noch eine Karte übrig. Wird auch bestimmt voll lustig. Aha. Harry Rowohlt sagte mir so spontan mal gar nichts. Er hat also Bücher übersetzt, Hörbücher vertont und vor allem hatte er seine Finger (und Stimme) in der deutschen Übersetzung von Pu dem Bären. Nach ein paar gesichteten Livemitschnitten auf einschlägigen Videoplattformen, war ich der Meinung, man solle diesem urigen alten Zottelbart eine Chance geben.
Eben diesen Zottelbart erkenne ich dann auch lange vor Beginn der Veranstaltung außerhalb des Gebäudes… mit Zigarette im Mund. Immer wieder klopfen ihm Menschen auf die Schulter, sprechen ihn an, halten einen kleinen Plausch. Der Star zum Anfassen also. Ich habe nichts zu reden. Ich bugsiere mich mit meiner Begleitung zum Ort des späteren Geschehens. Großer Raum, viele Stühle, hier werden sehr viele Menschen erwartet. Und sie kamen. Alle. Ein Mensch, mir völlig unbekannt, führte zu einem mittleren Aufmarsch. Das Publikum war seltsam gemischt, Schlipsträger neben Weihnachtsmann, Rentner neben Studi. Ich war gespannt.
Recht pünktlich kam Harry Rowohlt unter lautem Applaus auf die Bühne. Er erzählte vor sich hin wie es jeder von uns auch im Familienkreis täte. Er erzählte, was er heute Abend mit uns vorhätte, dass es um exakt 21.13 Uhr eine kleine Pause gäbe, und dass es ihm für diese um 21.12 Uhr definitiv noch zu früh wäre. Schallendes Gelächter antwortete aus dem Publikumsraum auf diese Bemerkung. Da wurde mir langsam klar, wohin diese Reise gehen würde. Nein, Harry Rowohlt musste sich nicht vorstellen, alle Menschen waren an diesem Abend nur dafür da ihn zu sehen, ihn zu hören und ihn zu erleben. Genau in diesem Stil setzte sich der Abend fort, er lass von ihm übersetzte Texte, nie um Anekdoten rechts und links vom Programmwege verlegen. Er erzählte von der Arbeit hinter dem Buchcover, und er erzählte frei aus seinem Leben, seine neu entdeckte Nervenkrankheit wurde angesprochen und seine Begegnungen mit bekannten Personen im Laufe seiner Berufslaufbahn wurden thematisiert. Mich beeindruckte seine Stimme in seinen kurzen Gesangspassagen und mich beeindruckten seine Wortgewand und -sicherheit. Seine Scherze trafen genau dort, wohin sie gezielt hatten, und jede Formulierung forderte die volle Aufmerksamkeit der Zuhörer. Ja, ich hatte meinen Spaß an diesem Abend. Spaß an den Eigenarten der Erzählungen dieses Mannes, den ich doch gerade erst kennen gelernt hatte.
Die Faszination vieler Veranstaltungen wird durch das Gemeinschaftsgefühl erzeugt. Mit tausenden anderen Fans die Texte der Lieblingssongs auf Konzerten singen, unhörbar, aber doch dauerhaft präsent. Gemeinsam mit einem gut gefüllten Saal laut lachen, oder leise im Sitz versinken beim politischen Kabarett. Von Sportveranstaltungen muss ich wohl gar nicht erst erzählen, dieses Schwarmgefühl, dieses Auflösen in der Gruppe haben wir alle bereits erlebt. Auch bei Harry Rowohlt wurde viel und laut gelacht. Nur leider waren wir nicht im Kabarett oder bei einer Stand up Comedy Show. Harry Rowohlt erntete Lacher für Nichtigkeiten. Er füllte sich neues Wasser in sein Glas, man lachte. Er juckte sich an der Nase, man lachte. Er suchte ein Nasenspray in seinem mitgebrachten Beutel, drei Plätze rechts von mir wäre ein Herr fast vom Sitz gefallen. Gerade beim “andauernden Suchen eines Gegenstandes in der mitgebrachten Tasche zusehen” kennen wir Männer uns doch aus. Bevorzugt passiert dies an der Supermarktkasse, an der zumeist weibliche Mitmenschen, doch immer wieder vom, auf Bezahlung wartenden, Kassenpersonal überrascht werden. Ich hatte noch nie das Bedürfnis in dieser Situation zu lachen, ich überlegte mir eher welchen Gegenstand in meinem Einkaufswagen ich denn entbehren könnte, um mit ihm die Ursache dieses Fließbandstaus zu malträtieren.
Harry Rowohlt ist ein Personenkult geworden, der sich außenstehenden, sprich mir, nur noch schwer erschließt. Der Mann ist gut in dem, was er tut. Er unterhält über Stunden mit vielschichtigen Geschichten und Erzählungen, vorgetragen auf eine ganz eigene, schrullige Art. Für mich, dessen Helden auf die Namen Hironobu Sakaguchi (Designer), Sven Friedrich (Songwriter und Sänger), Hideaki Anno (Regisseur) und vielleicht Todd McFarlane (Autor und Zeichner) hören, war dieser Abend zudem auch noch eine Einführung in die Entertainmentwelt der Belesenen. Nicht falsch verstehen, auch ich bin ein Jünger der Worte und lese einiges, jedoch endet mein Interesse für gedruckte Buchstaben knapp hinter den Seiten der c’t. Somit bleibt mir nur der kurze Blick auf eine Person, die für die meisten Zuhörer mehr zu sein schien, als nur das gerade erlebbare, eine Figur die auch von ihrem bereits langen Werdegang in der Öffentlichkeit zehrt. Harry Rowohlt könnte sich vermutlich ohne weiteres drei Stunden auf eine Bühne setzen, starr in die Luft blicken, kein Wort sagen und das Publikum wäre nicht verärgert Eintritt gezahlt zu haben. Dieses Phänomen gibt es definitiv nicht nur bei diesem Mann, und dennoch wäre vermutlich die ein oder andere 14 jährige Tochter beschämt ob ihres laut gackerten und grölenden Vaters gewesen.
Am 4. Mai 2010 war Harry Rowohlt im Würzburger Luisengarten zu Gast. Leider hatte ich es erst zu spät mitbekommen, da waren die Karten schon längst alle vergeben. Aber wozu gibt es einen Blogger- und Twitterstammtisch. Kaum eine Veranstaltung, auf der nicht irgendwer von den Mitgliedern zu Besuch ist. Netterweise haben sich zwei davon ...